Ärzte im Widerstande

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"Warum tragen zunehmend mehr Ärzte – gerade auch unsere Führungsfiguren – offene Hemden (unter Sacco)?

Weil sie Kravattenmuffel wären? Nein, sie sind nur überzeugte Nichtfliegenträger."

Martin Gattermann

Themen :


Leserbrief zu Dr. Kurzke: Nachrichten aus Absurdistan (12/2011)

Regress(ion): Der Kassenarzt stirbt nicht... (11/2011)

Leserbrief zu „Neue Karten für den Arztbesuch“ (09/2011 - wurde nicht veröffentlicht)

Leserbrief  zu  "Ärzte-Einkommen steigt auf 164.00 Euro." (07/2010)

„Die Bundeswehr“ - Leserbrief zu „Die militärischen Gleichstellungsbeauftragten.." (07/2010)

Leserbrief zu „ Palliativärzte fordern..“ (10/2009)

Warum sich eine ganze Region gegen ein MVZ wehrt (06/2009)

Der Kassenarzt im Burn-Out (05/2009)

Leserbrief zu „Feste Kooperationen zwischen Ärzten und Heimen (05/2009)

Morbi-RSA jetzt nach Losverfahren verteilt (04/2009)

Der Professor und der Rüpel. Oder: Vom Missbrauch der Macht (02/2009)

Eine Ära neigt sich zu Ende und verneigt sich am Ende (02/2009)

Daumen hoch für Notdienst (12/2008)

Rezension: "Der verkaufte Patient. Wie Ärzte und Patienten von der Gesundheitspolitik betrogen werden" (12/2008)

Leserbrief zum Artikel "Die Karte kommt", SHÄ 10/2008 S. 34 f. (12/2008)

Pflichtlektüre für jeden Arzt: Unwürdige und unmenschliche Situation in unserem "Gesundheitssystem" (10/2008) 

Gegen die Abschaffung der freien Ärzteschaft - Das Prinzip Lauterbach/Seehofer darf nicht siegen (10/2008)

Ein Hausarzt widerspricht Lauterbachs „Zweiklassenstaat“ - „Wo bleiben Verantwortung und Vertrauen?“ (10/2008)

Leserbrief zum Leserbrief Dr. Gloge 8/2008 S. 15 sowie „Unterschiedliche Motive“ für Gründungen von MVZ (09/2008)

Karl Lauterbach muss etwas entgegengehalten werden! (09/2008)

Die Kassenmedizin und ein mutiger Kommunalpolitiker (09/2008)

Kassenmedizin und Ehrlichkeit (07/2008)

Medizin mit Menschlichkeit (07/2008)

Vom Druck befreien (06/2008)

Norbert Nick (1947-2007), Nachruf auf einen Landarzt (11/2207)

eGK: „Wann geht’s denn nun los?" (09/2007)

Betreuung in der Kassenmedizin (09/2007)

Begutachtung bei Antrag auf Pflegegeld (07/2007)

Die Angststeuerung und die Kassenmedizin (06/2007)

Die anspruchsvolle Klientel und die Kassenmedizin (02/2007)

Der alte Fischer und die Kassenmedizin (12/2006)

Der Nobelpreisträger und die Kassenmedizin (10/2006)

Warum soll ich Äffchen machen ? (03/2006)

Aufruf zum Ungehorsam - oder: Das Heilmittelbudget als Salzsteuer (02/2006)

UnderDOCs (02/2006)

Verbarcodung (11/2005)

Anti-doctor-bossing (10/2005)

Der EBM ist abgeschafft (Satirische Berachtung) (08/2005)

Doctor-Bossing (08/2005)

Miserable Dienstleistung (06/2005)

Bogen überspannt (01/2005)

Arbeitsmedizinische und sicherheitstechnische Betreuung unserer Praxis - Geschichte einer Ent -Täuschung (06/2004)

Unter Chirurgen - Erfahrungen einer Assistenzeit als Allgemeinmedizin-Adept (02/1988)




Betr.: Leserbrief zu Dr. Kurzke: Nachrichten aus Absurdistan (10/11, S.6f)
Martin Gattermann

Der Sisyphus vom Nordseedeich.


Der auch von mir sehr geschätzte und ob seines Einzelkämpfertums bewunderte Kollege Kurzke hat völlig Recht. Wenn er mit seinen Erfahrungen das Handtuch wirft oder später sich kein Nachfolger findet, wünsche ich der Prüfungsstelle viel Freude bei der medizinischen Versorgung Pellworms.

Die Paranoia der sogenannten Gesundheitspolitik der letzten 20 Jahre ist nicht nur absurd, sie ist pathologisch. Schon der Ärztehasser Seehofer hat tüchtig vorgelegt, und das unvergessene Duo Lauterbach/Schmidt hat uns derart viele Steine in den Weg gelegt, daß auf Sisyphus’ Berg ein großes Gedränge herrscht. Aber notfalls wären wir Kassenärzte ja deformiert genug, um uns auch noch brav in Reihe anzustellen…..

Der Zynismus gesundheitlicher (Standes-)Politik gipfelt in der Trauer um den „sterbenden Kassenarzt“. Nur mafiöse Strukturen können so „ehrlich“ über den Tod ihrer Opfer trauern, denn nicht die Arbeit, die den Meisten von uns immer noch Freude macht, sondern die kassenärztlichen Strukturen bringen uns um.

Lange, bevor das von der KVSH recht zaghaft geforderte Modell der „Einzelleistungsvergütung“ greift, genügte mir für ein an Herz und Hirn endlich befreites Arzttum der ersatzlose Wegfall von Budgets und Regressen. Sie sind Ausgeburten einer unsäglichen Misstrauensunkultur. Und wenn unsere Arbeit dadurch tatsächlich teurer würde – was noch zu beweisen wäre –, hätten wir in den administrativen Einsparungen bei einer derart verschlankten Kassenmedizinbürokratie riesige Geldquellen.

Lassen Sie uns mit Frau Bundeskanzler „mehr Freiheit wagen“, probieren wir es doch einfadch einmal aus, BEVOR der letzte freiberufliche Kassenarzt tot umfällt!

Dr. Martin Gattermann, Allgemeinarzt, St. Peter-Ording

Quelle: Nordlicht 12/2011, S.39 oder als pdf (792 KB)

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Regress(ion): Der Kassenarzt stirbt nicht ...
Martin Gattermann

einfach nur so, nein, er wird ermordet. Dies läßt sich vielfältig zeigen, auch anlässlich eines der zahlreichen Regresse, mit denen uns Kassenärzte ein wahnhaftes Kontrollsystem überzieht

Unsere allgemeinmedizinische ländliche Doppel-Hausarztpraxis hat in allen Jahren, seitdem es „Medikamentenbudgets“ beziehungsweise deren Mitteilung gibt, bewiesen, daß wir wirtschaften können. Wenn ich es richtig überblicke, ersparen wir alljährlich den Krankenkassen Ausgaben in Höhe von 30.000 Euro, mit denen wir unser Budget regelmäßig unterschreiten.

Eine völlig neue Qualität für uns hat daher die „Prüfung der Arzneiverordnungsweise auf Einhaltung der Wirtschaftlichkeitsziele gemäß § 6 Zielvereinbarung zur Steuerung der Arzneiverordnung 2008 vom 21.11.2007 und § 6 Prüfungsvereinbarung vom 23.02.2010 für das Jahr 2008“, die uns mit über zweieinhalbjährlichem Verzug ereilte.

Zunächst die bange Frage: Was wirft man uns eigentlich vor? Fehlbehandlung? Patientengefährdung? Nein, zum Glück nicht. Falsche Indikationsstellung Schleifendiuretikum? Mitnichten. Zwei Dinge werden inkrimiert: Das Überschreiten der Normtagestherapiekosten um 54% (nach Abzug der „Toleranz“ von 50% über dem Durchschnitt letztlich um 4%) bei den von uns verwendeten Schleifendiuretika und die „Zielverfehlung des Zielwertes“ im „Leitsubstanzanteil“ von Furosemid um 50.4%, nach Toleranzabzug hier also um 0.4%.

Am Ende dieser Gedanken wird die Wortschöpfung „Zielverfehlung“ nochmals zu würdigen sein.

Sowohl nach Diskussion in meinen Netzwerken („Qualitätszirkeln“) als auch in nochmaliger Durchsicht der Entlassungsbriefe von Krankenhäusern des gesamten hierarchischen Spektrums ist das Torasemid inzwischen das Schleifendiuretikum der ersten Wahl. Dabei werden besonders die Kalium- (und Natrium-) Schonung als auch die linearere Wirkung und somit der seichtere Wirkungsverlauf angeführt. Auch Warnhinweise des Furosemid bei Hypoproteinämien, Leberzirrhosen und Niereninsuffizienz wurden genannt. Furosemid wird ganz offensichtlich nur noch in begründeten und begründbaren Einzelfällen eingesetzt. Dies gilt zumindest für die „Fälle“, deren Behandlungen in jüngerer Zeit einer Revision beispielsweise qua Krankenhausbehandlung unterzogen wurden. Daß „Alttherapien“, das heißt längerjährige Verläufe ohne Zwischenkontrollen vermehrt noch mit Furosemid behandelt sein könnten, schadet dieser Perspektive nicht. Also: in unserem qualitätssicherndem Nahbereich dominiert eiudeutig das Torasemid als Diuretikum. Sie ist die zeitgemäßere, wohl bessere Medizin.

Die Vorstellung, neben der Behandlung des Einzelnen nach bestem Wissen und Gewissen vielleicht in jedem Herbst wegen Negativ-smiley Therapien zu ändern, nur um im festgelegten Relations-Rahmen einer Vereinbarung zu bleiben, ist mir zuwider. Meine Patienten sollen lächeln – Statistiken mit elektronischem Lächeln sind nicht das Ziel meines beruflichen Strebens. Schließlich steht in unserem Bundesmantelvertrag – Ärzte (BMV-Ä) im § 29 (Verordnung von Arzneimitteln):

„(1) Die Verordnung von Arzneimitteln liegt in der Verantwortung des Vertragsarztes.“

Wie gesagt, daß wir sparen können, beweisen wir beim Medikamentengesamtbudget. Dafür gibt es nichts. Keinen Dank, keinen realen Bonus (10% von dieser Summe könnte ja dem Vertragsarzt zum Honorar zusatzvergütet), kein imaginärer (bis 50% der Einsparungssumme könnten bei anderen Regressen gegengerechnet werden). Nein, kompensationsloses Einkassieren.

Erlauben Sie mir noch einen Vergleich, den ich als überzeugter „Wessi“ Ihnen zumute. „Zielverfehlung“ bei einem kollektiv vereinbarten Ziel, das davon betroffene Freiberufler mit Sanktionen bedroht, erinnert fatal an das „Plansoll“-Denken der auch daran untergegangenen DDR. Die Umsetzung notfalls zulasten der Gesundheit oder auch nur Befindlichkeit unserer Patienten, um „im Soll“ zu bleiben oder es gar „überzuerfüllen“, wäre nicht nur ein bürokratischer Schildbürgerstreich, sondern die – vielleicht schon längst laufende – Wiederauferstehung der DDR. Die mit ihr verbundene Anmaßung ist eine Groteske von hoffentlich nur begrenzter geschichtlicher Dauer. Ob ich dies in den mir vielleicht noch verbleibenden neun Berufsjahren werde erleben dürfen, muß aber eher skeptisch gesehen werden.

Allenthalben wird warm- oder auch nur halbherzig der Tod des Hausarztes bedauert. Keine Angst: Der Hausarzt im Speziellen und der Kassenarzt im Allgemeinen sterben nicht (einfach so), nein, sie werden ermordet. Das Todesglöcklein ist das heuchelnde Geraune seiner Mörder, sein Tod ist Mafiabegräbnis erster Klasse: Mit Auflagen und Budgetvorgaben jeglicher Art treibt man die „handgemachte Medizin“ in den Tod, zumindest in die Resignation und nicht selten in Zynismus, der letztlich auch nur Zeichen eines Burn-outs von uns Ärzten ist.

Regresse wie dieser können aus sich heraus eigentlich nicht wirtschaftlich sein. Die KV und die Krankenkassen produzieren mit ihren Gremien Kosten. Selbst meine für die geforderte „medizinische“ und natürlich auch politische Begründung bedurfte ungut und ungern 10h meines Lebens. Legt man den Stundenlohn des Hausbesuchs zugrunde (21.03 € in 20min), sind das 10 x 63.09 €, als 630 €. Schlimmer: Es ist die Zeit, die ich meinen Patienten, meiner Frau und meinen vier Kindern und letztlich mir selbst fehle. Wirtschaftlich kann das nicht sein!

Für eine gute Arbeit an und mit Patienten gehört ein vertrauensvolle Atmosphäre. Regressinduziertes Angstdenken ist das Gegenteil davon. Die KV Schleswig-Holstein fordert zu Recht eine Einzelleistungsvergütung für uns Ärzte. Mir würde im Augenblick der komplette Wegfall aller Budgets und damit Regresse vollauf genügen. Wir haben noch keinen Mangel an niedergelassenen Ärzten, aber einen progredienten Mangel an anständig bezahlter Arbeitszeit. Der hier beschriebene Regress-Apparat ist ein fataler Regressionsmechanismus. Er ist Ausdruck von Mißtrauensunkultur und Fehlerunterstellung und somit das Gegenteil von Vertrauen. Ärztliche Arbeit unter solcher Prämisse kann nur verkümmern oder sich korrumpieren. Unsere Patienten und wir Ärzte sind leider auf einem misslichen Weg recht weit vorangekommen.


Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 10/2011, S.10 oder als pdf (61 KB)

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Leserbrief zu „Neue Karten für den Arztbesuch“ (sh:z vom 29. Sept., Kind1)  / wurde von den Husumer Nachrichten nicht veröffentlicht
Martin Gattermann

Warum aber sind „manche“ gegen diese tolle neue Karte? Auch Ihr Kinder habt natürlich das Recht auf mehr Hintergrundinformationen!

Die Kosten sind sehr hoch. Die Krankenkassen selbst schätzen allein die Kosten für alle Karten zusammen auf rund 139 Millionen Euro, die für die Lesegeräte beim Arzt und im Krankenhaus auf 156 weitere Millionen. Dazu kommen noch die Kosten für 70 Millionen Fotos, den Versand von 70 Millionen Karten, in vielen Parxen die Internet-Anschlußkosten und die 300 Millionen Euro für die bisherige Entwicklung.

Die Sicherheit der Daten selbst ist auch kompliziert. Immerhin hat unser Staat gerade erst kürzlich ein ähnliches Mammutprojekt für die Erfassung und Verwaltung von Sozialversicherungsdaten wieder abgeschafft, weil der Datenmissbrauch zu groß war.

Außerdem muß man zugeben, daß auch die Zahl der Menschen, die erlaubterweise auf alle Patientendaten zugreifen können, sehr groß – und wie „manche“ meinen, viel zu groß - ist: Zwei Millionen Menschen werden es sein. Das sind natürlich viel mehr als nur „der Arzt und seine Helfer“.

Das eigentliche Problem aber ist, daß diese Daten wohl ein ganzes Leben lang gespeichert werden sollen. Wenn also Deine Eltern Dir mit fünf Jahren einmal „Ergotherapie“ haben verschreiben lassen, damit Du weniger nervös bist und später in der Schule von Anfang an gleich gut mitkommst, kann 20 Jahre später der Betriebsarzt der Lufthansa, wenn Du Dich dort als Pilot bewerben willst, dies sehen. Und dann wird er Dich vermutlichen ablehnen müssen.

Weil viele –und nicht nur manche – dies so voraussehen, ist der Widerstand gegen die tolle neue Karte viel, viel größer, als es nach dem Artikel gestern zu vermuten war.

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Leserbrief  zu  „Ärzte-Einkommen steigt auf 164.00 Euro.
Das Honorar der niedergelassenen Ärzte in Deutschland dürfte dieses Jahr auf durchschnittlich 164 000 Euro steigen.. teilte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) gestern mit… “ (sh:z Schleswig-Holsteinischer Zeitungsverlag, 21.Juli 2010, S.7).
Martin Gattermann

Gemach, gemach, liebe Krankenkassen, verbreiten Sie verbreitetet doch nicht einfach solche unsinnigen Zahlen über Ihre „Gegenseite“, nämlich uns Ärzte.

Niemand käme auf den Gedanken, bloß weil die Spitzen der Krankenkassen durchweg 200.000 Euro und mehr im Jahr „verdienen“, dies als Durchschnittsgehalt aller Krankenkassenangestellten zu behaupten.

Sprechen wir vielmehr von einer allgemeinmedizinischen Doppelpraxis, die just gestern ihren Bescheid über ihre Einkünfte im I. Quartal 2010 erhalten hat: Tatsächlich nur ganz knapp über 40.000 Euro. Für zwei Ärzte. Brutto. Davon abgehend insgesamt ohne Weiteres 50 % Unkosten. Abzüglich Ärztekammerzwangsbeitrag.

Dagegen stehen für jeden Arzt 20 obligatorische Wochenarbeitsstunden für die reine Sprechstunde, je Kalendertag (einschließlich der Quartalsabrechungen) mindestens je 1 Stunde „Verwaltungsarbeiten“ und je Arbeitstag durchschnittlich mindestens eine, eher zwei Stunden Hausbesuche. Ohne Bereitschaftsdienste etc.

Hat also jeder dieser beiden Ärzte 10.000 Euro im Quartal „Bruttoeinkommen“ bei ca. 35 Arbeitsstunden pro Woche, zahlt davon noch Renten- und Krankenversicherung ohne irgendwelche Arbeitgeberanteile, hat kein 13. Monatseinkommen und keinerlei Absicherung bei Arbeitslosigkeit. Und trägt dabei die volle Verantwortung eines freiberuflichen Betriebes mit unendlicher materieller Haftung. Er bekommt dafür weniger als 30 Euro für jede Arbeitsstunde brutto.

Vielleicht sehen Sie einmal auf diese Wirklichkeit, wenn Sie Zahlen – mit welchem Zweck auch immer – verbreiten. Aber wundern Sie sich bitte nicht, daß trotz ihrer gigantischen Summen die Landarztmedizin ausstirbt. Das liegt nämlich nicht an Ihren, sondern an meinen Zahlen!

Martin Gattermann

Quelle: Die Zuschrift erschien am 24. Juli 2010 auf S. 2 und wurde von der Redaktion geändert und gekürzt. Der Originaltext ist in kursiver Schrift wiedergegeben.

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„Die Bundeswehr“

Leserbrief zu „Die militärischen Gleichstellungsbeauftragten.. “ Deutscher Bundeswehrverband (Nr. 5/2010 S. 11)
Martin Gattermann

Wenn „Gleichstellungsbeauftragte“ etwas mit erhoffter Gleichberechtigung oder auch nur Gleichbehandlung der Geschlechter zu tun haben sollen, hat diese Bundeswehr(führung) noch einen weiten Weg vor. Eine Armee, die sich die Sprachgrausamkeit eines „Stabarzt (w)“ leistet, hat ihre Hausaufgaben noch längst nicht gemacht.
Ich wünsche meinen Kameradinnen viel Erfolg. Vielleicht darf dann eines Tages eine „Oberstabsgefreiter Yvonne H.“ so heißen, wie sie jeder Normaldenkende in dieser Gesellschaft nennen würde: „Oberstabsgefreite“. Dann, aber erst dann, wären wir der Gleichberechtigung ein Stückchen näher gekommen. Dann hätten die Gleichstellungsbeauftragen dies als Erfolg zu verbuchen.

OSA d.R. Dr. Martin Gattermann, Allgemeinarzt, St. Peter-Ording

Quelle: Die Zuschrift erschien unverändert im Juli-Heft 2010 auf S. 52.

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Leserbrief zu „ Palliativärzte fordern..“ (Husumer Nachrichten)
Martin Gattermann

Menschen sind immer schon gestorben, und über alle Zeiten und Kulturen hinweg meist zuhause im Kreis der Ihren.

Diese Kultur haben wir aus verschiedenen Gründen ein Stück weit aus den Augen verloren. Aber dennoch gibt es seit Jahrhunderten die Begleitung Sterbender durch ihre Hausärzte, heute wirksam und oft ausgesprochen behütend begleitet von den Pflegediensten und, wenn gewünscht, ehrenamtlichen Sterbehelfern. Dies dürfte auch für die Zukunft Bestand haben. Wo diese Kräfte nicht ausreichen, mag man sie durch Palliativ-Care-Teams unterstützen. Aber bitte mit dieser Prioritätenfolge!

Quelle: Diese Zuschrift erschien am 7. Oktober 2009 auf S. 2 in den Husumer Nachrichten

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Warum sich eine ganze Region gegen ein MVZ wehrt
Schöne neue Welt?
Martin Gattermann

Es gibt in der humanmedizinischen Landschaft Schleswig- Holsteins ein kleines gallisches Dorf:
Der Westzipfel des schleswig-holsteinischen Festlandes, selbst auf jeder Wetterkarte im Fernsehen identifizierbar, die Landschaft Eiderstedt nämlich.

Mit nicht einmal zwei Dutzend "Menschenärzten" hatte sie einvernehmlich ein Vorläufermodell des späteren "kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes" auf den Weg gebracht, hinter dem das landesweite Konzept nach Überzeugung der Eiderstedter allerdings deutlich zurückbleibt. Sie hatte eine Schleswig- Holstein-weite Unterschriftenaktion gegen die "Verbarcodung" der ärztlichen Pflichtfortbildung initiiert und nicht zuletzt einen lückenlos flächendeckenden Boykott der Disease-Management-Programme erreicht, der als "Eiderstedter Manifest" bundesweite Popularität erreichte und kontroversen Disput mit den Krankenkassen und der eigenen KV erzeugte. Nun haben die gleichen Gallier sogar die Aufmerksamkeit ihrer zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen gewonnen, weil sie sich als "Freie Arztpraxen Eiderstedt AG" gesucht und gefunden haben. Wie schon zuvor ist der Anlass auch dieses Mal kein beliebiger. Es geht erneut um die Verteidigung von Terrain, das in den schönen neuen Zeiten so wohlfeil geworden ist. Nach der Überzeugung der meisten Mitglieder allerdings geht es diesmal nicht so sehr um den Widerstand gegen den Verfall kollegialer Kultur, die Optimierung der geistigen und körperlichen Ressourcen durch einen gleichermaßen durch die Ärzte handhab- und den Patienten zumutbaren Notdienst oder die  Abwehr ridiküler Bürokratie, sondern tatsächlich um die wirtschaftliche Existenz.

Anlass und Motor des neuerlichen, diesmal auch formalen und auf Dauer angelegten Zusammenschlusses ist die Einrichtung eines Medizinischen Versorgungs-Zentrums (MVZ) mit den Fachrichtungen "Hausärzte und physikalischrehabilitative Mediziner" im Planungsbereich Kreis Nordfriesland, konkret in St. Peter-Ording. Dieses wird von der Tochter "WestDoc" des Westküstenklinikums, das zu 100 % Eigentum des Kreises Dithmarschen ist, und einer privaten Rehabilitations- Klinikgruppe betrieben.

Bei den Medizinischen Versorgungszentren scheiden sich ja bekanntlich die Geister. Die Einen sehen in ihnen die Reinkarnation der DDR-Ambulatorien, die Anderen eine mögliche Aggregationsform von sonst dem Untergang geweihten Klein- und Einzelpraxen. Dies ist den Eiderstedtern selbstverständlich auch bekannt. Was sie auf den Plan ruft, ist das völlig ungenierte Eindringen eines Nachbarkreises in das "eigene" Gefilde, der sich gewissermaßen als "Global Player" (wie ein bedeutender Dithmarscher Journalist spöttelte) genau in dem Segment versucht, in dem auf Eiderstedt und besonders in St. Peter-Ording eine erhebliche Über-, im Stammkreis Dithmarschen dagegen eine ebensolche Unterversorgung besteht.

Die Zahlen, die die Kassenärztliche Vereinigung dafür aus den beiden letzten erreichbaren Quartalen zur Verfügung stellt, belegen die Schieflage eindeutig: So liegen die Dithmarscher Hausärzte bei der Honorierung insgesamt 12 % über, die St. Peteraner aber über 30 % unter dem Landesdurchschnitt. Da mit dem zweiten Kassenarzt "Physikalische Therapie" (keine Zulassungsbeschränkung) ein zusätzlicher Sitz installiert wurde, können sich die betroffenen Kolleginnen und Kollegen leicht errechnen, was ihnen wirtschaftlich der Würgegriff eines Krankenhauses, zu dessen Einweisern sie gehören, bedeutet.

Dies veranlasste die übrigen Eiderstedter zu ihrer in heutigen Zeiten eher ungewöhnlichen Solidarisierung: "Die Ziele der AG sind die Aufrechterhaltung der flächendeckenden Versorgung auf der Halbinsel Eiderstedt durch freiberufliche, persönlich Verantwortung tragende niedergelassene Ärzte, der Erhalt der freiwerdenden Kassenarztsitze für die Versorgung in der Fläche, die Aufrechterhaltung des kontinuierlichen Arzt-Patienten-Kontaktes mit freier Arztwahl und Hausbesuchsangebot sowie umfangreiche Kooperationen mit allen Senioren- und Behindertenheimen, ambulanten Pflegediensten und allen umliegenden Krankenhäusern".

Wie Sie sehen, sehr geehrte zahnärztliche Kolleginnen und Kollegen, sind der Widerstand und die Zielsetzung des Schulterschlusses Ihrer humanärztlichen Kollegen motiviert durch unser gemeinsames Anliegen: Als persönlich Verantwortliche unseren Patienten nach besten Kräften zu dienen. Wir sind wie Viele überzeugt, dass wir dies in den alten Strukturen viel besser leisten können als in neuen anonymen Großpraxisformen.

Quelle: Zahnärzteblatt Schleswig-Holstein 06/09, Seite 25 oder als pdf (15 KB)

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Der Kassenarzt im Burn-out
Martin Gattermann

Oder: Über den Zusammenhang des Niedergangs ärztlicher Kultur, der bewussten Krankheitsauslösung als politischer Waffe, der 68er- Generation und der Gutmütigkeit der großen leistungsfähigen Mehrheit und ihrer inneren Bereitschaft, sich supprimieren zu lassen.

Es wäre müßig, sich eine Freiberuflergruppe suchen zu wollen, die - unter großer geistiger und materieller Verantwortung als Arbeitgeber, Familienernährer und Kreditnehmer - nicht weiß, wie viel Geld sie für eine konkrete Leistung bekommt - und oft genug (wegen Budgetüberschreitung) eben auch nicht bekommt, und bei der die hohlen Schwüre, ihre Situation verbessern zu wollen, auch nur annährend vergleichbar ad absurdum geführt werden wie bei uns niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten: Es gibt nichts Vergleichbares - wir sind und bleiben einmalig.

Sachzwangideologie hat hier Hochkonjunktur. Darüber - über die Unzulänglichkeit und Betriebsblindheit unserer Funktionäre, über eine dem Parkinsonschen Gesetz folgende exophytisch wachsende, ja metastasierende Bürokratie, über das Spannungsfeld immer teurer werdender Technik und einen immer größeren Divisor durch die schiere Mengenentwicklung in unserem Beruf - ist schon viel und polyphon nachgedacht worden. Oft beobachtet man in den je nach Naturell und Anlass müde oder eifrig geführten Diskussionen hierzu eine zuweilen masochistische Züge tragende Resignation. Und allenthalben bieten sich Inselverkäufer: Inseln, auf denen man sich einrichten könne, um zu überleben. Ob dabei die (höchst individuelle) Nische schlechthin empfohlen wird, die man monopolartig besetzen solle, oder die schöne neue IGEL-Welt, die emotional und materiell entschädigen könne, hängt von unterschiedlichen Moden, Situationen und Fachgebieten ab. Allen Auffassungen gemein ist, dass man vom normalen bedarfsgebundenen Arzttum, das ja sowieso furchtbar antiquiert und nicht überlebensfähig sei, zukünftig nicht mehr werde leben können und dass die ungünstigen Umstände wohl hauptsächlich von Phantasielosigkeit, Unfähigkeit und Neid der Verantwortlichen herrührten. Dass man uns nichts Gutes tut, hat wohl schon die gesamte bundesdeutsche Bevölkerung verstanden. Was aber viel okkulter ist: dass man uns nichts Gutes will. Ob man den unbefriedigten Spieltrieb von „Entscheidern“, die Tragik vergeblichen Bemühens von offensichtlichem Mittelmaß oder die Böswilligkeit klassenkämpferisch Motivierter als ursächlich sieht, ist zunächst zweitrangig. Halten wir fest: Es ist Mobbing (eigentlich sogar Bossing) gegen uns Niedergelassene, was uns ausbrennen lässt. 

Im Folgenden soll hier einem lesenswerten populärwissenschaftlichem Sachbuch gefolgt werden: Joachim Bauer: Das Gedächtnis des Körpers. Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Genese steuern, München 2004, 11/2007 (ISBN 978-3-492-24179-3), und zwar dem Kapitel „Körperliche Spuren bei Problemen am Arbeitsplatz: Das Burn-out-Syndrom“ (S. 199-208). 

Burn-out, so konstatierte 1974 der New Yorker Arzt und Psychoanalytiker Herbert Freudenberger, ist ein Syndrom aus „Erschöpfung, Schlafstörungen, Kopfschmerzen … ohne körperlichen Befund, Angst oder depressive(n) Verstimmungen“, dessen „Risikofaktoren … hohe Belastung und Eintönigkeit der Arbeit, geringe Anerkennung und fehlender kollegialer … Zusammenhalt sowie fehlende positive Rückmeldung vonseiten derjenigen, für die man tätig ist“, sind. Klassisch, darauf weist J. Bauer hin, wird das Burn-out-Syndrom auch durch die Selbstüberforderung des Erkrankten ausgelöst. Nicht (allein) die objektive Beanspruchung, sondern die individuelle (Fehl-)Verarbeitung ist determinierend. Werden allerdings die Belastungen durch Dritte mehr oder minder bewusst ausgelöst, verstärkt oder auch nur nicht gemindert, liegt „Mobbing“ vor; wirken Vorgesetzte mit, die ja qua hierarchischer Position abhelfen könnten und dies versäumen, „Bossing“. Tatsächlich haben zwischenzeitlich in unserer gesamten Gesellschaft berufsbedingte seelische Erkrankungen den körperlichen den Rang abgelaufen. 

Burn-out 

J. Bauer nennt drei Hauptkennzeichen des Burn-out-Syndroms: „emotionale Erschöpfung“, „negative oder zynische Einstellungen gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden“ und „eine negative Einschätzung des Sinnes und der Qualität der eigenen Arbeit“. Ein Element, das zu den Facetten des Syndroms gehören kann, ist eine „ungerechte Behandlung durch den Vorgesetzten“. Vorgesetzte gehören in die Welt abhängiger Arbeitsverhältnisse, vordergründig also nicht in die Welt der Freiberufler. Wenn man aber die Betrachtung auf deren „Führungsrahmen“ erweitert? Kassenärztliche Vereinigung mit Vorgaben und Sanktionen, Abrechnungsordnungen, Leitlinienchaos, Qualitätsmanagement - übernehmen nicht sie für die Niedergelassenen Führungs- und somit Vorgesetztenfunktion, allerdings schlechterweise ohne spürbare Fürsorge oder substanzielle Gerechtigkeit? 

Wer Kassenmedizin beschreibt, bemüht oft das Bild vom Hamsterrad: Eigene Tätigkeit und deren Steigerung verpuffen im objektiven Stillstand. Hinzu kommt, dass das Hamsterrad zwar vordergründig den Beschäftigen im Käfig als (Pseudo-)Aufgabe dient, seinen Sinn aber eigentlich nur durch das Auge des Betrachters gewinnt. Es sieht einfach putzig aus, wenn sich da jemand objektiv erfolglos abplagt. Diese Außenstehenden, diese Betrachter mögen die experimentell hantierende Gesundheitspolitik und die Mutmaßungshandlungen und -bemühungen der Ärztefunktionäre sein. Sie stehen vor dem Käfig, unserem Käfig, und sehen zu, wie wir uns mühen und purzeln. Und es ist schmerzhaft für den Hamsterradfahrer, wenn ihm diese Perspektive klar geworden ist. Dann bekommt er eine „negative Einschätzung des Sinnes und der Qualität“ seines Tuns. Er erkennt und leidet, er beginnt, innerlich auszubrennen. Da das kassenärztliche Hamsterrad ja virtuell ist, ist es nicht primär körperlich, aber sicher seelisch erschöpfend. Beispielsweise, weil es, wie derzeit, aus einem Honorarsystem besteht, das völlig willkürlich umverteilt und Vielen nicht den „gesamtsystemisch“ versprochenen finanziellen Zuwachs, sondern oft sehr empfindliche Abstriche bringen wird. Was den Zynismus nährt: Die Prognose, wie hoch die „negative Dynamik“ der Vergütung ausfallen wird, wird errechnet an den Zahlen und Ergebnissen des konkreten Vergleichsquartals des Vorjahres. Mit anderen Worten: Für die bereits erbrachten und „honorierten“, systemimmanent geleisteten Mühen würde man per Honorarsystem einfach einen geringeren Ertrag erzielen. Also nicht eine Minderleistung oder die Aberkennung einer Qualifikation straft hier, sondern eine komplexe Entscheidung des eigenen Führungstableaus. Sie muss die „zynischen Einstellungen gegenüber Vorgesetzten (und) Kollegen“ nähren und zwangsläufig als „negative Einschätzung des Sinnes und der Qualität der eigenen Arbeit“ interpretiert werden. Ex post entwertete Leistung erfüllt somit gleich zwei der drei Bedingungen für das Burn-out-Syndrom, der Abgestrafte muss sich hier gemobbt beziehungsweise gebosst fühlen. 

Exkurs: Der Marsch durch die Institutionen Niedergelassene Ärzte sind schon professionsbedingt gutmütig und gutgläubig. Wer käme da auf den scheinbar abwegigen Gedanken, dass unser Ungemach einer konsequenten Planung, einem Vernichtungsfeldzug entspringen könnte? Es gibt aber hohe Entscheidungsträger in diesem Land, die in zeitgeschichtlich grauer Vorzeit - vor vier Jahrzehnten - diesem Staat, der damals kriegsfolgebedingt noch kleiner war als heute, gar nicht gewogen waren. Die unser System als todeswürdig und todgeweiht empfanden und es als "Staatsmonopolkapitalismus" bezeichneten, verkürzt Stamokap. So nannte man diese Illusionäre dann („Stamokaps“), und sie sich selbst auch. Erkennend, dass der großen demokratisch gewillten Masse weder argumentativ noch mit Gewalt beizukommen sei, die Beglückungen des Kommunismus zu wagen, beschlossen diese Geister den „Marsch durch die Institutionen“, also die scheinbare Adaptation an unsere Machtstrukturen, um dann an der Spitze dieses Landes plötzlich wieder auftauchen und es dann kassieren zu können. Zehn oder zwanzig Jahre veranschlagte man dafür. Damals, vor vierzig Jahren. Wenn jetzt heutige Spitzenleute beiderlei Geschlechts in der sechsten oder beginnenden siebten Lebensdekade allzu ruppig mit diesem Staat, der sie seither mehr als nur gut ernährt hat, umgehen, sollte man sich als leidender Beobachter ruhig dieser Stamokap-Mutanten erinnern. Ein Schelm, wer argwöhnt, dass dem Verfasser dieser Zeilen die Vorstellung einer solchen „Sichelkarriere“ bei zumindest einer konkreten der Lichtgestalten heutiger Gesundheitspolitik plausibel erscheint. 

Der Patient als Geisel 

Der Verfasser dieser Zeilen ist (noch) bekennender Kassenarzt. Er neigte, wie die meisten seiner Kolleginnen und Kollegen, bislang dazu, sich bezüglich des hier beschriebenen Burn-out- Syndroms als Opfer des Systems zu sehen. Allenthalben kann man die These erhärtet sehen, gewissermaßen unschuldiges Opfer überstarker Gegner zu sein, die mit unsauberen Mitteln kämpfen. Betrachtet man beispielsweise die aktuelle Reaktion der Politik und der Krankenkassen auf den Widerstand der Niedergelassenen gegen die soeben skizzierten Auswirkungen des neuen Honorarsystems, spricht die veröffentlichte Kritik nahezu unisono von einer für die Mehrzahl der niedergelassenen Ärzte nicht gegebenen „Behandlungsverweigerung“ und „Vorkasse“- Forderung. Der Widerstand und Protest Vieler wird mit dem Fehlverhalten Weniger entwertet. Unsere Wut wird angeheizt. Unsere Wut auf das Seehofer-Lauterbach-System, das die meisten Defizite und die Zukunftsunfähigkeit des heutigen Gesundheitssystems am bösen Willen und/oder der Unfähigkeit von uns Ärzten festmachen zu können glaubt und entsprechend beschämend und aufgeregt agiert. Dieses System ist Mobbing beziehungsweise Bossing pur, und es droht, uns neben den erzwungenen äußeren Veränderungen und Adaptationen auch innerlich zu verändern und zur „selffulfilling prophecy“ zu werden. 

J. Bauer zitiert als eines der Symptome des Burn-out „negative oder zynische Einstellungen gegenüber … Kunden“, also in unserer Situation gegenüber den Patienten. Man kann nicht umhin, über die soeben erwähnten unsachlichen Zuschreibungen von außen hinaus, die uns ja die Geiselnahme unserer Patienten aus überwiegend egoistisch-materiellen Gründen unterstellen, hier gründlicher nachzudenken. 

Woher kommt diese Perspektive? Was hat sich tatsächlich verändert? Vor fünf Jahren noch war es einem Hausarzt jederzeit möglich, für seine Patienten beim Kardiologen, Neurologen oder Augenarzt umgehend einen Termin zu bekommen, wenn man sich auf die Dringlichkeit einigen konnte. Dies ist heute weitgehend unmöglich geworden, und ohne hausärztliche Vermittlung sind es oft Wartemonate, die ein Terminwunsch nach sich zieht. Gleichzeitig achten - nicht unberechtigt, weil die pauschale Krankenkassenvergütung hier ja keine Leistungserbringung vorsieht - viele Kolleginnen sehr genau darauf, was sie im Rahmen einer „notwendigen“ Versorgung erbringen müssen und was der Patient stattdessen selbst zu bezahlen hat. In den hausärztlichen Bereich beispielsweise fallen diesbezüglich häufige zähe Diskussionen darüber, was perioperativ fremd zu vergüten und was „im Budget des Hausarztes“ enthalten (oder qua Budgetüberschreitung gegebenenfalls unentgeltlich zu leisten) sei. 

Blicken wir ein oder zwei Jahrzehnte zurück: Die apparative Ausstattung einer Praxis bestimmte das Leistungsspektrum, dessen Vergütungsfähigkeit nicht zur Diskussion stand. Ein angeschafftes Gerät, das indikationsbezogen eingesetzt wurde, war per se wirtschaftlich, auch, weil seiner Anschaffung eine kaufmännische Kalkulation des Praxisinhabers vorausgegangen war. Die später politischerseits und zuweilen auch von Kollegenseite geargwöhnte hauptsächlich materielle Motivation traf in aller Regel nicht zu. Heute hingegen wird angesichts stetiger Änderungen der berufspolitischen und allgemein poltischen Vorgaben nicht nur ärztliches Handeln an sich, sondern insbesondere der Einsatz investiver Mittel unkalkulierbar und damit materiell unverantwortbar. Die Regression ärztlichen Wirkens und ärztlicher Individualverantwortung geht einher mit einer Abrüstung in der Peripheriepraxis zugunsten hochgerüsteter Zentren in zentralen Lagen. 

„Zynische Einstellungen“ gegenüber Patienten? - Kriterium des ärztlichen Burn-out! Was lässt sich beobachten? In der objektiv immer schlechteren Position unserer Patienten auf dem Weg zum (Fach-)Arzttermin und in der Denkart manches Arztes („Ich mache doch nichts mehr für Mau!“) widerspiegeln sich: die verschärfte Situation des niedergelassenen Arztes im System und die innere Kündigung vieler „Leistungsträger“, wie man uns Ärzte bezeichnenderweise seitens unserer Gegenspieler nennt. 

Es ist ein Irrtum, dass es uns Niedergelassenen helfe, wenn wir den Verweigerungen von außen unsere innere Emigration entgegen setzen. Scheinbar logischerweise führen die unsäglichen und unwürdigen Restriktionen als Abwehrhaltung in die Gegenrestriktion, nur noch das „vertraglich Festgelegte“ zu erbringen und nur noch Dienst nach einer wie auch immer gearteten Vorschrift zu leisten. Ziehen wir das durch, kann es kurzfristig tatsächlich etwas befriedigen, sich nicht vollkommen verkaufen zu lassen. Doch sieht man genauer hin, wirkt bei vielen Protagonisten die Konsequenz der Fortsetzung dieses Restriktionsverhaltens zynisch. Gemeint ist es gegen die Politik, gegen die Krankenkassen und meinethalben gegen die eigenen Funktionäre, de facto gerichtet aber ist es gegen unsere natürlichsten Verbündeten, unsere Patienten. Außerdem verstärken wir damit sehr aktiv unser eigenes Burn-out. 

Ausweg: Realvergütung

Alle Zweiklassigkeit unserer Medizin, wie sie zu postulieren jener Professor aus Aachen fortgesetzt und medial effektiv beliebt, hätte ebenso ein Ende wie die partielle ärztliche Leistungsverweigerung, die die (ausgeschöpften) Budgets letztlich erzwingt, wenn man ebendiese Zweiklassigkeit der Honorierung und die unsäglichen Budgets aufgäbe und endlich dazu überginge, was in der Welt der - politisch dem Aussterben preisgegebenen - Freiberuflichkeit allgemein gilt: Der „Leistungserbringer“ bekommt seine Leistung bezahlt und wird nicht für sie bestraft. Dass bei einer solchen Leistungshonorierung auch der seit Seehofer progrediente Spuk der Arznei- und Heilmittelbudgets in den Orkus der Geschichte befördert gehörte, ist ebenso klar. 

Verweigerungen beim Patienten sind der falsche Weg, sie lassen uns nur auf den Mobbing-Leim der (Berufs-)Politik gehen und verstärken unser Burn-out. Einzig die Wiedereinführung ärztlicher Leistungsvergütung als „Honorar“, tatsächlich qualifikations-, verantwortungs- und leistungsgerecht, kann die Implosion medizinischer Leistungsfähigkeit in Verbindung mit der Explosion ihrer Kosten beenden. Dorthin sollten wir streben. Mit aller Kraft. Mit und für unsere(n) Patienten! 

Unsere Misere ist politisch gewollt 

Zynismus gegenüber Patienten, so wir ihn zeigen, ist Ursache und Folge ärztlichen Burn-outs. Wir dürfen vermuten, dass uns manche Politiker bewusst in diese Falle treiben. Dabei bedarf es keiner allzu großen Phantasie, sich zu vergegenwärtigen, dass Mancher, der, wie oben beschrieben, seinen Marsch durch die Institutionen überlebt hat, sich und seiner ursprünglichen Zerstörungsabsicht treu - oder neudeutsch: in ihr nachhaltig - geblieben ist. Dies scheint jedenfalls viel wahrscheinlicher, als nur gutmütig anzunehmen, dass alle Institutionsdurchmarschierer im System gewandelt und geläutert worden seien. Dass darüber heute keiner mehr (laut) spricht, kann klug, naiv oder feige sein. Es wird aber trotzdem so stimmen. Wir Ärztinnen und Ärzte aber sollten fachlich Manns genug sein, nicht derart auf unsere Gegenspieler hereinzufallen. Man versucht ja fortwährend, uns zu jagen. Es ist an uns, ob wir uns tatsächlich jagen lassen oder nicht. Es ist schlicht die grundsätzliche Entscheidung, wie viel wir uns selbst wert sind. 

Und wenn wir gar befürchten müssen, dass man uns aus politischen Gründen in unserer selbstbestimmten Freiberuflichkeit nicht aus Versehen oder aus Unfähigkeit, sondern bewusst vernichten will, und wenn wir in unserem allenthalben oft zu beobachtenden Zynismus gegenüber Patienten unser eigenes Burn-out-Syndrom zu diagnostizieren lernen, dann sollten wir auch fachlich klug genug sein, uns zu therapieren. Schließlich haben wir ja unseren Beruf über Jahre und Jahrzehnte gründlich gelernt und genießen immer noch höchste Reputation. Auch das haben wir manchem unserer Gegenspieler voraus! 

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 05/2009, S.60-63 oder als pdf (148 KB)

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Leserbrief zu „Feste Kooperationen zwischen Ärzten und Heimen “ (Ärzte-Zeitung 78/2009 S.1f)
Martin Gattermann
 

Wer führte dann hier die Feder? Prof. Lauterbach? Wie kann man als Hausärzte derart einseitig die Situation in der beschämend unterbezahlten Altersheimversorgung krummreden! Kein Wort von den Patienten, die bislang ihre Hausärzte behalten durften. Kein Wort davon, dass die Ver­schiedenheit der Ärzte auch eine Kontrolle der (totalen) Institution „Heim“ bedeutet. 

Unzufrieden sind meines Erachtens die meisten Kolleginnen und Kollegen mit der miserablen „Honorierung“. Der von Ihnen aufgezeigte Weg – bezeichnenderweise offensichtlich auch der Weg der Berliner KV-  führt direkt in die Industrialisierung der ambulanten Medizin, wie sie ihren Feinden, allen voran Prof. Lauterbach, vorschwebt. Woran diese schöne neue Welt bislang schei­tert, fragt sich ihre Autorin verwundert. Sie scheitert daran, dass es noch Patienten gibt, die ihre Ärzte selbst suchen und, weil sie ihnen vertrauen, auch behalten wollen, und Ärztinnen und Ärzte, die weiterhin bereit und befähigt sind, persönlich Verantwortung zu tragen. Um nichts weniger geht es hier!

Quelle: Ärztezeitung, 7. Mai 2009, Nr. 84, S. 7

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Achtung Satire:

Morbi-RSA jetzt nach Losverfahren verteilt

Nach erheblichem Missmut und der allgemeinen Unfähigkeit, eine verbindliche Lösung mit ausreichender Akzeptanz zu finden, haben sich mit Wirkung zum neuen Quartal (1. April 2009) der Verband der Krankenkassen und das Bundesgesundheitsministerium darauf einigen können, die Geldflüsse des Morbi-RSA im reinen Losverfahren zu verteilen. Das sie einfacher und schneller und auch nicht ungerechter als bisher, hieß es in einer Verlautbarung.

Alle Kassen werden quartalsweise mit Summen zwischen 100 und 1000 € pro Versichertem unterstützt, und zwar ohne irgendeine Prüfung der Bedürftigkeit. Dass damit wohl auch die DMPs abgeschafft würden, stört eigentlich nur den „Bundesverband für DMP-Patienten“, weil jetzt die sehr zuwendungsstarken Gespräche zwischen seinen Mitgliedern und den Ärzten beim gemeinsamen Ausfüllen der Meldebögen entfielen.

Bundesministerin U. Schmidt begrüßte die Lösung: Sie vereinfache das Leben und verbessere die Versorgungsqualität, ohne neue Kosten zu verursachen. Der Gesundheitsexperte Lauterbach ließ sich entlocken, dass er ohnehin für die Abschaffung der KVen und der Krankenkassen sei und die jetzige Entscheidung nur als konsequenten Schritt dahin sehe. Seinen Vorschlag von letzter Woche, dass alle Deutschen statt Krankenkassenbeiträge abzuführen lieber an große Klinikunternehmen einen etwa 20%igen Anteil ihres Einkommen abführen und von dort aus medizinisch versorgt werden sollten, wiederholte er allerdings nicht. Die KBV zeigte sich zufrieden, dass die Geldverteilung nunmehr ohne wesentlichen Druck auf die Vertragsärzte bei der Verschlüsselung relevanter Diagnosen erfolgen könnte. Gegen das Losverfahren votiert bislang lediglich der Verband der Lotto-Gesellschaften, weil er um sein Monopol fürchtete.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr Martin Gattermann

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Der Professor und der Rüpel. Oder: Vom Missbrauch der Macht
Martin Gattermann
"Praemium incertum petis, certum scelus" (Seneca)

Skeptiker des heute so hektischen und oft geschwätzigen Informationsflusses und des damit nicht selten verbundenen ungehobelten Wortes finden gelegentlich Bestätigung, ja Genugtuung. So spülte jüngst ein Befundmitteilungs-Fax eines größeren Krankenhauses gewissenmaßen als eine ungewollte Zugabe eine hausinterne Mitteilung mit:

Sehr geehrter Herr Professor ...,
in der Sitzung des Direktoriums am 27. November 2008 ist beschlossen worden, dass Herr ärztlicher Direktor Dr. ... und Herr Verwaltungsdirektor ... mit der Chefärztin bzw. den Chefärzten der ...-Klinik ab 2009 Mitarbeitergespräche führen.
Für Sie ist das Mitarbeitergespräch für den
20. Januar 2009, 15:00 Uhr,
vorgesehen. Das Gespräch findet in meinem Dienstzimmer statt. Bitte teilen Sie meinem Vorzimmer mit, ob Sie den Termin wahrnehmen können.
Mit freundlichen Grüßen
Verwaltungsdirektor


Es ist müßig, daran zu erinnern, dass uns Ärzten, die wir die Halbzeit unserer Berufstätigkeit überschritten haben, in der "Medizinsoziologie" die drei Pyramiden für Ärzte, Pflegedienst und Verwaltung so beigebracht wurde, dass die ärztliche die höchste sei. Sie rutschte schon während unseres Studiums und der ersten Krankenhausjahre immer weiter ab und wurde von der Verwaltung, wohl sogar vom Pflegedienst überflügelt. Wie viele neue Pyramiden für Qualitätssicherung etc. inzwischen dazugekommen sein mögen, ist müßig wahrzunehmen, weil unsere Innovationswut hier mit Sicherheit alle Modelle sehr kurzlebig sein lässt.

Nehmen wir an, es sei gesichert, dass die Verwaltung von oft finanziell maroden Krankenhäusern recht ausschließlich das Sagen hat, bleibt dennoch dieser elektronische Brief anstößig.

Der Chefarzt, immerhin Professor, hat zu erscheinen. Kurzfristig, geladen zum Rapport. Die unangenehme Gesprächsatmosphäre ist förmlich zu spüren, man wittert regelrecht die Fallen eines solchen Sechs-Augen-Austausches. Nicht einmal kosmetisch werden eine "kompetente Analyse", "Hilfestellungen" und gar "gemeinsame Lösungen" avisiert, noch wird ein Termin "abgestimmt". Nein, das ist blankes Diktat.

Ich habe die Antiquiertheit, immer noch die medizinische Leistung als zentrales Anliegen eines Krankenhauses zu sehen, und die Vermessenheit, bei allem Respekt vor den Mitarbeitern in der Pflege, im Service etc., uns Ärzte als die eigentlichen Leistungsträger zu sehen. Ohne unsere Arbeit, oft genug Mühe, und unsere Verantwortung gäbe es (noch?) keine Medizin.

Wie kommt ein Verwaltungsdirektor dazu, seine in diesem Sinne eigentlichen Leistungsträger derart zu behandeln? Und: Wie kommen wir Ärzte dazu, dies so hinzunehmen? Wir haben eine Kultur unseres Handelns, und haben alles Recht, sie andernorts einzufordern.

Wenn das gemeinsame Ringen um die bestmögliche Versorgung unserer Patienten gerade in den Zeiten echten oder vorgeblichen Ressourcenmangels erfolgreich sein soll - gemeinsam von Ärzten, nicht­ärztlichen Mitarbeitern und unseren Verwaltern -, kann dies nur gelingen, wenn man Respekt voreinander hat. Und die minimale Auswirkung dieses Respekts wäre die Höflichkeit.

Wenn ich also den Verfasser einer solchen "Mail" als Rüpel bezeichne, dann meine ich damit, dass er seinen Ärzten - und wohl auch allen anderen Mitarbeitern seiner Klinik - keinen Respekt zollt. Die fehlende Höflichkeit scheint mir dies zu beweisen. Und wenn er diesen Respekt derartig verweigert, ist er nicht nur unhöflich, sondern auch noch ein recht schlechter "Vorgesetzter". Wenn man dies erkannt hat, hat man nicht nur das Recht, sondern die Pflicht aufzubegehren. Dies hätte dann am Geringsten etwas mit gekränkter Eitelkeit und viel mit der Einsicht in die Polyvalenz wirksamen Behandelns zu tun.

Wer "Mitarbeitergespräche" derart einfordert, sollte sich über den eigenen Umgang mit seinen "Mitarbeitern" Rechenschaft ablegen. Das wäre allemal wichtiger als das Rechenschaftabverlangen von zum Rapport Einbestellten. Es ist ja anzunehmen, dass der Herr Verwaltungsdirektor seine "Mitarbeiteranalyse" nirgendwo vortragen muss. Sacrosanctus est.

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 02/2009, S.49f. oder als pdf (19 KB)

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Eine Ära neigt sich zu Ende und verneigt sich am Ende
Martin Gattermann

Sehr geehrter Herr Ratschko,

keinesfalls als einziger und wohl eher als unberufenster Gratulant muss ich mich melden. Eine Ära klingt aus.
Während meines 25-jährigen Berufslebens stieß ich immer wieder auf - und mich öfter am - Phänomen Ratschko. Die erste intensivere Erinnerung war in den 80er-Jahren einmal Ihr Plädoyer für Ihre Ärztekammer auf einer unserer legendären Westküstenfortbildungen auf Pellworm, mit dem Sie als zweiter Redner des Nachmittags gegen Vortragsermüdung, Schiffsabfahrtsdiktat und, viel bedeutender, gegen das kalte Buffet ankämpften. Lassen Sie mich bekennen: Sie verloren.

Viele Reibungspunkte boten unsere gemeinsamen Jahre während meines Ärztekammermandates unmittelbar vor der Wiedervereinigung unseres Landes. Sie waren, wenn nicht "die Ärztekammer" oder "der Vorstand", so doch die graue Eminenz, die zunehmend mehr die Fäden in der Hand hielt. Reichlich 90 Prozent Ihrer Vorstandsanträge passierten die Vollversammlung, mochte man sich auch zuweilen mit heiliger Wut und deutlich weltlicherer Wucht dagegen anstemmen und meist vergeblich Volkes Stimme Ausdruck und Bedeutung zu verleihen trachten. Nein, ein ungebundener "unabhängiger" Gewissenstäter hatte in der "Gesetzgebungsmaschinerie", die Sie virtuos handhabten, allenfalls eine Außenseiterchance. Dabei bleiben mir bei meinen vielen Abstimmungsniederlagen neben der wohlwollenden vereinzelten Zustimmung besonders mancher älteren Kolleginnen und Kollegen Ihre stetige Höflichkeit und Ihr "parlamentarischer Respekt" gegenüber uns Aufmüpfigen in guter Erinnerung. Nota bene Ihr Kompliment, dass ich die "einzigartige Gabe" besäße, "vieles so herrlich zu komplizieren". Wie Sie sehen, bin ich Ihrer Analyse treu geblieben.

Wenn ich es richtig einschätze, litt die Ärztekammer vor Ihrer Zeit - ähnlich übrigens wie die allgemeine Gesundheitspolitik - unter dem Spott und einer "therapeutischen Ignoranz" der meisten Kolleginnen und Kollegen. Beides hat sich radikal geändert: Während die Politik sich auf uns Ärzte erfolgreich mit der reflexartigen Vorwurfshaltung der "Unfähigkeit" und "Unredlichkeit" eingeschossen hat, wuchs die Ärztekammer zur "Megabehörde", mit diversifizierten ärztlichen Qualifikationen und der Herrschaft über ihre Handhabung und Kontrolle. Vor den schlimmsten Fällen der veröffentlichten Meinung und der Machthabung seitens der Politik gegenüber unserem Stand hat die Ärztekammer unter Ihrer Ägide sich meist erfolgreich vor ihre Mitglieder gestellt. Allerdings trifft sie in ihrer schieren Größe und Machtfülle ärztliche Skepsis und oft auch des Einzelnen Ohnmachtsgefühl.

Mir persönlich haben Sie als Herausgeber unserer "gelben Gefahr" aber eigentlich stets Mut gemacht, und haben mich vieles sagen lassen, was veröffentlicht sehen zu können ich meiner Ärztekammer gelegentlich überhaupt nicht zugetraut hatte. Das Ärzteblatt ist eine Institution demokratischen Gehörs und eine Diskussionsplattform geworden - und das verdankt es seinem (bisherigen) "Boss". Trotzdem sei angemerkt, dass sich viele vieles anders wünschten - das wissen Sie zu allererst -, und dass man sicherlich sehr kritisch Wahrnehmungs- und Wirkungsgrad dieses Blattes sehen muss. Ich habe viele Kolleginnen und Kollegen erlebt, die es lesen, aber auch viele, die es ignorieren.

Für Ihren weiteren Lebensweg - Sie werden uns ja sicherlich vielfältig trotzdem erhalten bleiben - wünsche ich Ihnen eine listige Kombination aus Weisheit und Wissenshunger, gepaart mit Ihrer Insidererfahrung, schöpfend aus Ihren Netzwerken und den vielen persönlichen Kontakten mit besorgten und anregenden Rückmeldungen. Um Ihr wissenschaftliches Lebenswerk mache ich mir dabei die geringsten Sorgen, selbst die dazugehörige Portion Mut muss man nicht anmahnen, weil man sie ja als gegeben kennt.

Der Lotse - ähnlich wie weiland der Eiserne Kanzler - geht von Bord. Man darf gespannt sein, wie es seinem Dampfer "Ärztekammer" (und ihrem Publikationsorgan Ärzteblatt) ergehen mag.

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 02/2009, S.4 oder als pdf (73 KB)

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Daumen hoch für Notdienst
zu:
NORDLICHT 8/2008 Titelthema NORDLICHT 10/2008 Forum
Martin Gattermann 

Es wäre schön, wenn Kollege Kraus nicht mit seinem zulässigerweise parteilichen Ansatz der von ihm so behaupteten Gegenseite fehlende Ausgewogenheit beziehungsweise mangelnde Solidarität unterstellte. Und als alternder Kollege verkneife ich mir die multiplen Erfahrungen mit gebrochenen KV-Versprechen oder unhaltbaren Zusagen. Sie sind aber eine kontinuierliche Geschichte von Enttäuschungen und typisch für unsere Gesamtsituation.

Was ist denn nun eigentlich geschehen? Die niedergelassene Ärzteschaft hatte sich durchgerungen – wir hier auf Eiderstedt mit einem wesentlich preisgünstigeren, partientenfreundlicheren und von der Einwohnerschaft hochakzeptierten mehrjährigen Modell, das geopfert werden musste, fühlten uns regelrecht dazu genötigt – in einem Akt oktroyierter Solidarität das Werk  "Organisierter Notdienst " zu schaffen. Unter folgenden Voraussetzungen:

  • Die Teilnahme ist freiwillig. Man habe genug Kollegen in der Hinterhand, die Dienste abzudecken,
  • ein Stundenlohn von 50 Euro sei sicher erzielbar,
  • man habe sich mit den Krankenkassen darauf verständigt. 

Was ist aber inzwischen daraus geworden?

  • Belastung das ambulanten Gesamthonorartopfes ist gestiegen,
  • die Entlohnung der Diensttuer ist gesunken. 

Und jetzt kommt das in Gange, was ich als  "typisch deutsches Problemlösungsverhalten " bezeichnen möchte: Man versucht eine in vielfacher Sicht problematische Konstruktion zu verschlimmbessern, indem man die Lösung nur immanent sucht. 

Mit etwas Rückgrat – und dies nicht als Aussage speziell zu dem aktuellen Problem oder seiner Darstellung im Nordlicht, sondern auf unsere allgemeine kassenärztliche Misere bezogen – wäre zu fordern und durchzusetzen:

  • Die Notdienstbezirke sind jetzt schon so groß, dass sie ohne (zusätzlichen) Schaden in der Versorgungssicherheit der Bevölkerung nicht noch weiter zusammengelegt werden können. Hier gibt es kein Einsparpotenzial.
  • Die Bezahlung eines Arztes zur  "Unzeit" mit 50 Euro Stundenlohn ist jetzt schon so miesepetrig, dass sie nicht gesenkt werden kann. Wir bewegen uns jetzt schon auf der Honorarhöhe ungelernter Gärtner! Auch hier gibt es kein Einsparungspotenzial.
  • Die Krankenkassen, meinethalben, wenn’s unvermeidbar sein sollte, die Politik, sind gefordert, hier finanziell nachzulegen. Wir könnten den Druck erhöhen und ohne jede falsche Scham unsere Patienten über Sachverhalt und Lösungsmöglichkeiten informieren. 

Warum nur sollen wir Ärzte selbst diese Finanzierungslücke tragen?
Wie kommen wir dazu?
Mit welcher Berechtigung würde man uns dies zumuten?

Quelle: Nordlicht 12/2008, S.21 oder als pdf (156 KB)

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Der verkaufte Patient.
Wie Ärzte und Patienten von der Gesundheitspolitik betrogen werden, SHÄ 12/2008 S. 68.
Bibliographische Angaben: Renate Hartwig, Pattloch Verlag, München 2008, ISBN 978-3-629-02204-2, 16,95 Euro
Martin Gattermann

Renate Hartwig, Bestsellerautorin über "Scientology - Ich klage an" (1994), wendet sich vehement gegen den Ausverkauf unseres bislang von sozialer Verantwortung getragenen Rechtsstaates. In den "so genannten Gesundheitsreformen" sieht sie einen zentralen und systematischen Angriff auf das freie Arzttum, dem sie den "Bürgerpatienten" als Schutz und zur wechselseitigen Stärkung zur Seite stellt. Dreh- und Angelpunkt ihrer Kritik - und als Prüfstein - ist die so genannte elektronische Gesundheitskarte, mit Befürwortern und "verflochtenen" Verfechtern auch innerhalb der etablierten ärztlichen Selbstverwaltung. Sie will die Einführung der Karte mit allen Mitteln verhindern.  

Jüngst sind zeitgleich mehrere "Aufdeckungsbücher" zum politisch gewollten Verfall unseres Gesundheitswesens erschienen. Renate Hartwig ist in Abgrenzung zu anderen Autoren bewusst und machtvoll eine Patientin. Sie möchte ihre Mitpatienten, also die gesetzlich Versicherten, mobilisieren - und politisch wachrütteln. Ein implodierendes Sozialsystem, die Kapitulation der demokratisch legitimierten Führenden vor - oder ihr Arrangement mit - dem Kapital, dem sie ihre vom Volk nur geliehene Macht verkauften: Ihr Spannungsbogen ist mitreißend, aufrüttelnd und deprimierend zugleich. Sie warnt vor "Denunzianten, Verrätern, Intriganten und Rufmördern" und wagt es dabei persönlich, sich sehr weit aus dem Fenster zu lehnen. Sie nennt Ross und Reiter, wohl wissend, dass sie sich damit einer Phalanx "gegnerischer" Rechtsanwälte exponiert.  

Wer jemals in der Diskussion um die E-Card mitreden will oder gar glaubt, diesen wahrlich orwellschen Mechanismus ganz verstanden zu haben, muss ihr Buch lesen. Sie erweitert den Einsichtshorizont ihrer Leser von der ersten bis zur letzten Seite. Ihr Credo: Mit dem Zugänglichmachen des Geheimnisses eines Arztsprechzimmers für eine mediale Welt und eine riesige Schar von "Berechtigten" (zwei Millionen Menschen dürfen auf die Daten Aller zugreifen!) beraubte sich der Arzt seines genuinsten Erfolgsgeheimnisses, nämlich der Verschwiegenheitspflicht. Er hörte mit dieser Digitalisierung der Daten seiner Patienten eigentlich auf, als Vertrauensperson zu existieren.  

So, wie der Arztroman im Grunde ein Frauenroman ist (die Heldin bewegt die Geschichte, die ärztliche Hauptfigur und die Seelen der Leser), so ist "Der verkaufte Patient" notwendigerweise der Antagonist zum "verkauften - und sich verkaufenden - Arzt". Beide sind gemeinsam Hoffnungsträger von Renate Hartwig und, wenn sie sich ihrer politischen Mitverantwortung und Macht bewusst werden und Zivilcourage zeigen, Motor und Angelpunkt eines Widerstandes des ganzen Volkes gegen seine schleichende Entdemokratisierung in unserer "nachchristlichen" Zeit.  

Das Buch von Renate Hartwig gehört nicht nur in den Themenkreis alternder und bedenkentragender Ärztestammtische, sondern in jedes Wartezimmer. Soviel Politisierung darf, ja, muss sein. Es ist ab sofort Pflichtlektüre einer jeden Ärztin und eines jeden Arztes, wenn es darum geht zu begreifen, was mit und um uns geschieht. Das Kapitel "Der Arzt meines Vertrauens" (S. 21-23) gehört auf jeden ärztlichen Nachttisch, gleich neben dem Telefonapparat.

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 12/2008, S.68 oder als pdf (32 KB)

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Leserbrief zum Artikel "Die Karte kommt", SHÄ 10/2008 S. 34 f.
Martin Gattermann

Die Karte kommt. Wirklich? Cui bono? Die Probleme der digitalen Zentralisierung der Untersuchungsergebnisse und Therapieberichte unserer Patienten sind nur vordergründig Sachschwierigkeiten verschiedenster Ebenen und Qualitäten. Der Widerstand derer, die als Antwort "niemals" geben, ist grundsätzlicher.

Hauptelemente ärztlicher Wirksamkeit sind alte Tugenden: Verantwortung und Vertrauen. Noch trauen unsere Patienten uns das zu, noch ist unser Beruf einzigartig. Zur Verantwortung gehören Können, Sorgfalt und Motivation, zum Vertrauen unumgänglich unsere Verschwiegenheit. Dies ist keine ewiggestrige Platitüde, sondern für viele von uns - und unsere Mütter und Väter allemal - die Quintessenz einer in vielen Jahrhunderten tradierten Sozialisation.

Wenn wir uns dafür hergäben, unser Wissen um unsere Patienten zentralen und vernetzten Rechnern anzuvertrauen, nein, zu verraten, gäben wir in diesem Sinne unseren einmaligen Beruf auf. Die Erfahrungen des allgemeinen Umgangs mit unseren Daten - egal, ob Panne oder krimineller Vorsatz wirken - lehrt, dass Daten auf solchen Rechensystemen - zwei Millionen (!) Menschen in Deutschland wären berufsbedingt zugriffsberechtigt - lehrt, dass Lecks und illegaler Datenhandel nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind.

Cui bono? Eine herrschsüchtige Politik, eine gewinn und machtorientierte EDV-Branche, manche Technikfreaks, eine mit dem EDV-Zeitalter und ihren Protagonisten verwobene und verbandelte Kollegenschar mögen die Karte fordern und ihre Umsetzung bejubeln. Die Menschen in Deutschland jedenfalls verlören die Einzigartigkeit ihres Arztgeheimnisses. Wir Ärzte hörten in diesem - auch humanistischen - Sinne auf zu existieren. Es geht hier nicht um wenig oder viel, es geht schlicht um alles.

Das ständige Gerede von der Unabänderlichkeit der E-Card-Einführung soll uns mürbe machen. Ich hoffe, es ist nur das Pfeifen im Walde und eher Klagen denn Kriegsgeheul.

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 12/2008, S.14 oder als pdf (28 KB)

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Pflichtlektüre für jeden Arzt:
Unwürdige und unmenschliche Situation in unserem "Gesundheitssystem"
A. Diehm 

Muss man sich mit Karl Lauterbachs "Buch" – um nicht Pamphlet zu sagen – "Der Zweiklassenstaat" überhaupt befassen? Lesen muss man es gewiss nicht, es kommt einem als Arzt fast auf jeder Seite die Galle hoch. Einer, der sich akribisch jeder seiner abstrusen Thesen angenommen hat, sie analysiert – auch das, was er wohlweislich verschwieg – und kritisch bewertet hat, ist der Allgemeinarzt Dr. med. Martin Gattermann aus St. Peter-Ording. In seinem kürzlich erschienenen Buch "Medizin mit Menschlichkeit", Untertitel: "Wie die Mächtigen die Zukunft unseres Landes verspielen, in dem sie seine Vergangenheit verachten", entlarvt er auf jeder Seite jenen in der Presse so hofierten Professor und SPD-"Gesundheitsexperten" als das ,was er ist: ein Demagoge, der unter dem Mäntelchen der Gerechtigkeit das Wahlvolk aufhetzt, in Wirklichkeit jedoch eine komplette Systemveränderung anstrebt, die aus einer Mischung aus Überwachungsstaat, schlimmer als Orson Wells "1984", sozialistischen Ambulanzen und auf Kapitalertrag geführten, privaten Krankenhauskonzernen besteht.

 Gattermann geht ganz analytisch und systematisch vor. Zunächst die Thesen KaLaus zum Bildungssystem, der Kindergartenzwang mit möglichst akademisch gebildeten Erzieherinnen möchte, der die Hauptschule abschaffen will. Am meisten interessieren uns Ärzte natürlich das Gesundheitssystem, danach das Rentensystem und schließlich die Pflegeversicherung. Die Gattermannsche Erwiderung ist schön gegliedert in einzelne Kapitel. KaLaus Thesen sind kursiv deutlich gemacht, Gattermanns zerpflückenden Gegenargumente zum Teil fett gedruckt.

Im Gegensatz zum "Zweiklassenstaat" sollte Gattermanns "Medizin mit Menschlichkeit" Pflichtlektüre für jeden Arzt und jeden mündigen Bürger werden. Und das unbedingt in den Monaten vor der Bundestagswahl. Das Buch macht uns klar, in welcher schier ausweglosen Situation wir Ärzte, aber auch die Patienten, jetzt schon sind (Beispiel: Notarzt muss die soeben zur Witwe gewordenen Frau um die fälligen 10 Euro bitten, Kassen jedoch können die Praxisgebühr nach Belieben erlassen) und wie es kommen kann, wenn Demagogen an die Macht gelangen. In unserer Geschichte schrieb schon einmal ein "Politiker" ein Buch, aber kein vernünftiger Mensch in Deutschland nahm seine Thesen damals ernst.

Quelle: Der Augenarzt, 42. Jahrgang, 5. Heft, Oktober 2008, Seite 276, als pdf (49 KB)

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Gegen die Abschaffung der freien Ärzteschaft
Das Prinzip Lauterbach/Seehofer darf nicht siegen
Martin Gattermann

Das „moderne“ Bild vom Arzt, das die Politik den Bürgern suggerieren will, hat einen Erfinder, nämlich den seinerzeitigen Gesundheitsminister Seehofer, und es hat einen modernen Halbschattenmann, den es sehr gut ernährt und der es zu seinem Lebenszweck erkoren zu haben scheint, nämlich Professor Karl Lauterbach. Die Idee Seehofers war die, dass die ausufernden Gesundheitskosten ärztlicher Unterqualifikation entsprängen, und man nur mehr aus- und fortbilden und, natürlich, kontrollieren müsse, um hier wirksam gegenzusteuern. In der Folge ist die Seehofersche Vermutung, wie man sie ja wissenschaftlich benennen könnte, zu einer Unkultur des Generalverdachtes ärztlicher Unfähigkeit und Unredlichkeit verkommen beziehungsweise weiterentwickelt worden. Dieser Verdacht – oder besser die fortgesetzte Behauptung seiner Erwiesenheit – ernährt Professor Lau terbach und speist, durch seine Omnipräsenz dort, die neodemokratische Diskussionsform der Fernseh- Talkshows. Den Politikern und Journalisten, die als mehr oder minder geschlossener Kreis und in wechselnden Besetzungen diese Foren stellen, kümmern sich nicht darum, dass die von Lauterbach behaupteten Sachverhalte noch – und gegen den oktroyierten Trend weiterhin – meist der von unseren Patienten erlebten Wirklichkeit diametral gegenüberstehen. Hierfür scheint kein mediales Interesse zu bestehen. 

Die Ressourcenknappheit im Gesundheitssystem ist eine Finanzknappheit auf Grund einer immer schmaler werdenden, unserer gesellschaftlichen Entwicklung immer mehr entfremdeten Bezugsgröße „Erwerbslohnabschöpfung“. Ihre Folgen sind Deformierungen allenthalben, auch bei uns Ärzten. Es sind aber nicht unsere Wissens und Könnens-Mängel, sondern die unserer Honorierung, die eine immer schlimmere Schieflage bewirken. 

Wir sind letztlich alle einmal angetreten, einer menschenwürdigen Medizin zu dienen. Innerhalb der heute Aktiven kann man die Älteren – und die, die ihnen zuwachsen neudeutsch als „50+“ oder „Ü 50“ ansprechen. Ihnen direkt gegenüber stehen die „U 30“, denen man eine nicht kindgerechte Ganztagspflicht- Kindheit und eine zermürbende Selektion vor und in dem beruflichen Ausbildungsgang angetan hat und antut. Der Generation „50+“ gehören auch in unserem Beruf oft die Kritischen, leider schon oft zu Leisen und manchmal auch schon recht Resignierten an, weil man sie (berufs)politischerseits ins Aus drängt, ihnen zunehmend Relevanz und Kompetenz abspricht. Die Entfremdung im Beruf nimmt auch hier überhand, kaufbare Zertifikate und oft allzu käufliche Zertifizierer sollen den Patienten den Weg zu uns bahnen oder erschweren. 

Wir, die ärztlich Tätigen, sind dabei, uns von berufsfernen und oft –fremden Gesundheitsökonomen das nehmen zu lassen, was der Kern unseres Berufes ist: Die individuelle, von beiden Seiten selbstbestimmte Begegnung von Patient und Arzt. Dabei sind die zentralen Ressourcen unseres Berufes Vertrauen und Verantwortung, auch unter uns Ärzten. Wir sind hier unseren Widersachern schon viel zu viel auf den Leim gegangen. Es geht dabei nicht um Idyllen – auch unsere Patienten wandeln sich in einer Dienstleistungsgesellschaft -, aber doch um das Bewußtwerden dieses, auf neudeutsch: nicht verhandelbaren, Kerns ärztlicher Wirksamkeit. Dieser Kern unserer individuellen Berufswahl und unserer klassischen Sozialisation seht nicht zur Disposition, nicht für uns als Einzelne, nicht für unsere Profession.

Quelle: Der Allgemeinarzt 17/2008, Seite 3 oder als pdf (49 KB)

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Ein Hausarzt widerspricht Lauterbachs „Zweiklassenstaat“
„Wo bleiben Verantwortung und Vertrauen?“
Interview mit Martin Gattermann 

„Die deutsche Politik scheint sich darauf verständigt zu haben, überwiegend den Ärzten die Schuld an einer scheiternden Gesundheitspolitik zuzuschreiben“, schreibt Dr. med. Martin Gattermann in seinem Buch „Medizin mit Menschlichkeit“. Gattermann sieht einen besonderen Höhepunkt im Buch „Der Zweiklassenstaat“ des SPD-Gesundheitspolitikers Prof. Dr. Karl Lauterbach. Dieses Buch darf nicht unwidersprochen bleiben, meint Gattermann. Wir haben mit ihm gesprochen.

 ?Herr Dr. Gattermann, im Klappentext zu Ihrem Buch werden Sie als Kassenarzt und Nichtpolitiker angekündigt, aber sie suchen die Auseinandersetzung mit zwei Schwergewichten der deutschen Gesundheitspolitik: Professor Lauterbach, den Autor der Streitschrift „Zweiklassenstaat“, und Horst Seehofer, den Sie im Allgemeinarzt-Editorial als Erfinder einer Politik bezeichnen, die davon ausgeht, dass ausufernde Gesundheitskosten durch ärztliche Unterqualifikation verursacht sind. Ist es so, dass die Politiker auf die Ärzte draufhauen, weil sie selbst die Gesundheitsreform nicht ordentlich hinkriegen? 

Solange die sozialen Sicherungssysteme weitestgehend aus den Erwerbslöhnen gespeist werden und die Politik die Frage der Finanzierung nicht klüger löst, besteht der Zwang, auch im Gesundheitswesen weiter zu rationieren. Das hat nichts mit ärztlichem Wissen und Können zu tun. Lauterbach will eine Umgestaltung der Medizin: Er stellt Ärzte als unfähige, ausbeuterische Gestalten dar, die einer externen Qualitätssteuerung bedürfen. Lauterbachs Gesundheitsökonomie ist ein Herrschaftsmittel. Er will eine entindividualisierte, industrialisierte Medizin. Eine freie Ärzteschaft stört da nur.


 ?Individuelle Arbeitsplatzangst haben die Ärzte bereits kenenngelernt. Sind Bürokratie und der ständige (Re-)Zertifizierungszwang nur weitere Instrumente für eine straffe Zucht der Ärzteschaft? 

Wer Bürokratie nur als Kollateralschaden der Demokratie begreift, muss lernen: Bürokratie ist Herrschaftsausübung. Sie entfremdet am wirksamsten von der eigenen Arbeit und verstellt den Blick auf die eigenen Erfolge. Mit der pädiatrischen Qualifikation sollte hausärztliche Kompetenz bei den jüngeren Patienten untergraben werden. Und genau so schickt sich die Berufspolitik an, dem Hausarzt den alten Patienten zu nehmen, sollte er nicht das Fleißkärtchen einer formalen Qualifikation haben. Bei den Kindern haben wenigstens die Eltern noch Entscheidungsspielraum, aber den Alten soll der bisherige Hausarzt und damit die freie Arztwahl genommen werden.


?Sie meinen, wer derzeit von der Kostenexplosion im Gesundheitswesen redet, zielt eigentlich auf die Unabhängigkeit und Freiberuflichkeit der Ärzte?

 Leider wird allenthalben oft genug nur von den schwindenden materiellen Ressourcen gesprochen. Die Zerstörungen der gesundheitspolitischen Debatte durch das Prinzip Seehofer/Lauterbach suggerieren das. Das eigentliche politische Ziel scheint zu sein, uns die zentralen  Ressourcen unseres Berufes, nämlich Vertrauen und Verantwortung, zu nehmen, und hier sind wir unseren Widersachern schon viel zu viel auf den Leim gegangen.


?Warum haben Sie auf Lauterbachs Streitschrift mit einem Buch geantwortet? 

Mehr noch als in den Talkshows zeigt Professor Lauterbach in seinem Buch „Der Zweiklassenstaat“, dass es ihm im Kern um die Umgestaltung der Medizin geht: Lauterbach kennt weder die generationenüberspannende Arztpersönlichkeit noch die Relevanz einer praktischen Lebenserfahrung. Er will Selektion nach seinen Kriterien und Mediziner von seinen Gnaden. Ich will eine faire Chance für eine menschenwürdige Medizin.


?Noch stellen sich viele Tausend Ärzte und Ärztinnen tagtäglich mit Freude ihren Aufgaben. Wird das so bleiben?

 Wir müssen weiterhin erhobenen Hauptes unsere Pflicht erfüllen. Gerade, aber nicht stramm stehen, vor niemandem, nicht vor der veröffentlichten Meinung, nicht vor unseren Gestaltern, sei es in der Staatsführung und –verwaltung, oft genug aber auch in unserer Standespolitik. Dazu bedarf es des Rückgrates. Es mag im Laufe eines langen Lebenslaufes ein wenig schrumpfen und an Beweglichkeit einbüßen, es mag auch hie und da schmerzen, aber es bleibt nun einmal das Organ, das das Caput orthotop hält. Auch dann, wenn es dem Sezierblick des Radiologen Alterung offenbart. Aber ob ein Gangbild Rückgrat hat oder nicht, entscheiden weder Röntgen noch Schober, sondern der lebenskluge Blick. Der Gebeugte mag alle kleinen Wegehindernisse besser sehen, darauf reagieren und ihnen nicht zum Opfer fallen, aber vielleicht die große Wand, den dicken Baum oder die hervorstehende Kante, gegen die er dann läuft, übersehen.  Lu

Quelle: Der Allgemeinarzt 17/2008, Seite 72

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Leserbrief zum Leserbrief Dr. Gloge 8/2008 S. 15
Martin Gattermann

Herr Prof. Lauterbach hat vor gut einem Monat in „Hart aber fair“ das Todesurteil über die Alleinpraxis so gegründet:

1.)    Keine Kontrolle

2.)    Ausreichende Fortbildung nicht gewährleistet

Das passt nur dann zusammen, wenn er damit die fehlende Konformität und Uniformierung des heute in vielen Beziehungen freilich nur noch schein(!!)-selbständigen Niedergelassenen überwinden will. Medizinische Versorgungszentren (MVZ) können diese Zeitgeistgebote ja umsetzen, zulasten einer persönlich verantwortlichen, individuellen und – ich bleibe dabei: einer menschlichen, einzigartigen und lebenswerten – Versorgung und Betreuung kranker Menschen.

Solange ein Niedergelassener auch materiell selbständig ist, hat er eine größere natürliche Resistenz gegen Deformierung oder, um es mit Reinhard Mey zu sagen, „Verkrümmung“, nämlich durch „Rückgrat in einer verkrümmten Zeit“. Dies stört alle die Lauterbachs.

Leider haben sie schon massiv deformiert, das System und die in ihnen Beschäftigten. Um Chancen auf, aber noch viel mehr die logisch zwingende Notwendigkeit zum Widerstand ge­gen die schon weit fortgeschrittene Zerstörung eines freien Arzttums aufzuzeigen, sind Rufer wie der Kollege Gloge so wichtig, auch und gerade dann, wenn es kaum einer hört und viel­leicht auch immer weniger Menschen es hören wollen.

MVZ mit der Konstruktion der Anstellung ihrer Ärzte sind aufkaufbar. Dies ist ihr Hauptkon­struktionsmerkmal in den Augen der Lauterbachs und der vier großen Klinikkonsortien, deren Lobbyist er ist und die schon weit damit vorangekommen sind, den lukrativen „Gesundheits­markt“ in Deutschland unter sich aufzuteilen. Monopolistisches Verhalten gegenüber dem (Zwangs-)Kunden gehört ebenso immanent zu ihrem Gepräge wie Lohndumping bei denen, die ihnen ihre Umsätze erwirtschaften. Selbst wenn die Kassenärztlichen Vereinigungen oder – von der Verband­struktur noch glaubwürdiger, die Ärztegenossenschaften – „bessere“ MVZ gründen oder betreiben (helfen), bleibt dieses Manko der relativen Bedeutungslosigkeit des einzelnen Arz­tes erhalten. Lohnabhängig wie er ist, wird über ihn eher bestimmt werden kön­nen.

Solange wir Ärzte noch „frei“ sind, sind wir zugegebenermaßen auch schwierig. Untereinan­der (man sieht es an der hohen „Scheidungsrate“ von konventionellen Gemeinschaftspraxen), aber auch für die Politik und ihre Stichwortgeber von interessierter Seite, leider oft aus unse­ren eigenen Reihen. Und deshalb hat Kollege Dr. Gloge so sehr recht, und deshalb betreibt ein medizinischer Professor Lauterbach sein Werk, auch wenn er sich nicht zu schade ist, die oben genannten mindersinnigen und objektiv ja unhaltbaren, zumindest am Thema vorbei irreführenden Argumente anzuführen. Dass er für diese „Begründung“ in der Talkshow keine Widersprüche erntete, wirft ein eigenes Bild auf diesen Typus der Fernseh“unterhaltung“. 

Der Königsweg aus der heutigen Misere scheint mir immer klarer darin zu liegen, dass wir unsere ärztlichen Leistungen zumindest für unsere Akutpatienten EDV-fern und mit einem stark vereinfachten Abrechungssystem direkt abrechnen. Der Versicherungsmarkt müsste in der Lage sein, ein solches System zu bedienen. Und für diese individuelle Beziehung Patient-Arzt wäre dann auch wieder der einzelne Mensch und nicht seine „Aggregationsform“ zen­trales Kriterium.

Die MVZ moderner Prägung, in der alle, auch wir Ärzte lohnabhängig beschäftigt sind, sind nicht unsere Zukunft, sondern unser Untergang. Es liegt an uns, dies offen auszusprechen. Immer wieder. Nicht einschüchtern und nicht einlullen lassen!“

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 9/2008, S.15 oder als pdf (169 KB)

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"Karl Lauterbach muss etwas entgegengehalten werden!"
Werner Loosen

Dr. Martin Gattermann, Jahrgang 1953, ist Facharzt für Allgemeinmedizin in St. Peter-Ording. Der Arzt ist am Rande von Schleswig-Holstein seit 1991 niedergelassen, zusammen mit seiner Frau. Vorher war er an der Klinik in Husum tätig, davor an der Lübecker Universität am Institut für Medizin- und Wissenschaftsgeschichte. Eigentlich hat Martin Gattermann stets eher unauffällig gearbeitet und zusammen mit seiner Frau vier Kinder großgezogen. Und nun tritt er scheinbar plötzlich mit einem Buch an die Öffentlichkeit, dem eine ganze Portion Wut anzumerken ist: "Medizin mit Menschlichkeit. Wie die Mächtigen die Zukunft unseres Landes verspielen, indem sie seine Vergangenheit verachten - Ein Hausarzt widerspricht Prof. Lauterbachs ‚Zweiklassenstaat’" (siehe Kasten auf Seite 27). Wie das alles zustande gekommen ist, erklärt Martin Gattermann im Gespräch mit dem Schleswig-Holsteinischen Ärzteblatt (SHÄ).


SHÄ: Ihr Titel, Herr Dr. Gattermann, "Medizin mit Menschlichkeit", erinnert mich stark an Alexander Mitscherlichs großes Werk "Medizin ohne Menschlichkeit", in dem er versucht hat, die Prozesse gegen die Naziärzte aufzuarbeiten und in dem er die Prozesse gegen diese so genannten Kollegen geschildert hat. Haben wir jetzt, Ihrem Buch zufolge, wieder eine unmenschliche Medizin?


Dr. Gattermann: Ich bin nicht mal sicher, ob mein Buchtitel vielen Menschen so auffallen wird wie jetzt Ihnen! Selbstverständlich habe ich ihn als Provokation benutzt. Mitscherlich hat in seinem Werk auch danach gefragt, wie es passieren konnte, dass Ärzte sich derart vor den verbrecherischen Karren der Nazis haben spannen lassen. Auf keinen Fall sehe ich irgendeine direkte Parallele zu heute! Eine derart unmenschliche Medizin gibt es heute glücklicherweise nicht. Ich sehe aber seit Jahren eine fatale Entwicklung: Die Arzt-Patienten-Beziehung droht verloren zu gehen.


SHÄ: Wie meinen Sie das?


Dr. Gattermann: Der Kern jedes ärztlichen Handelns ist die Begegnung zwischen zwei Menschen: Den einen treiben seine Nöte, Sorgen und Beschwerden in die ärztliche Praxis, der andere sitzt in dieser Praxis mit all seiner Erfahrung, mit seinem Wissen, und gemeinsam versuchen sie nun, der Nöte des Patienten Herr zu werden, dessen Probleme zu lösen, so gut es geht.


SHÄ: Was hindert Sie daran, dies als Arzt auch weiterhin zu tun?


Dr. Gattermann: Politik und Wirtschaft betreiben seit geraumer Zeit eine Industrialisierung der Medizin. Dabei ist die Ansprechbarkeit des Arztes gleichsam vorgegeben und damit auch seine Wählbarkeit ...


SHÄ: ... aber wir haben doch die freie Arztwahl ...


Dr. Gattermann: ... nehmen Sie als Beispiel die großen Gemeinschaftspraxen, nehmen Sie die Medizinischen Versorgungszentren, die überall entstehen. Da wird es Ihnen als Patient sehr schwer gemacht, Ihren Arzt überhaupt noch zu finden, geschweige denn von ihm behandelt zu werden!


SHÄ: Das lassen wir mal so stehen. Wann hat die von Ihnen so genannte fatale Entwicklung begonnen?


Dr. Gattermann: Begonnen hat das mit dem damaligen Gesundheitsminister Horst Seehofer. Der machte seine politischen Überzeugungen fest an einer angeblich viel zu teuren Medizin. Seine Forderung: Die Ärzte müssten sich besser qualifizieren, damit die Medizin insgesamt effizienter werden könne. Nach Seehofer kam als gesundheitspolitischer Vordenker Prof. Karl Lauterbach, auf dessen Buch "Der Zweiklassenstaat" ich mich direkt beziehe (Anm. d. Redaktion: siehe SHÄ 2/2008, S. 41). Lauterbach beklagte und beklagt eine mangelnde Kontrolle der Ärzte und deren unzureichende Fortbildung. Beides zusammen sei verantwortlich für den gegenwärtigen schlechten Standard in der deutschen Medizin und die hohen Kosten, die sie trotzdem verursache. Die Anstrengungen beider Herren gehen direkt zusammen, und deshalb spreche ich von einem System Seehofer/ Lauterbach. Gegen dieses System haben wir Ärzte jetzt und schon seit Jahren zu kämpfen.


SHÄ: Am Rande und weil es gerade so schön passt: Waren Sie jemals berufspolitisch aktiv?


Dr. Gattermann: Ich hatte einmal ein Mandat in der Ärztekammer Schleswig-Holstein. Schnell habe ich festgestellt, dass ich unwirksam bin in einem solchen Gremium. Ich gehöre zu einem Kreis kritischer Ärzte, die sagen: Als Mitglied einer Institution wie Kammer und KV lässt sich nichts ändern. Beide sind zu sehr eingebunden in behördliche Strukturen - sehen Sie sich doch nur die KV an! Zudem habe ich vier Kinder, ich nehme meine Praxis ernst, da ist kein Raum für Berufspolitik.


SHÄ: Dennoch haben Sie jetzt dieses Buch geschrieben. Warum?


Dr. Gattermann: Die Korsettierung innerhalb des Systems nimmt vielen Ärztevertretern die Lust. Die Fähigkeit der Politik, Sachverstand zu überhören, macht auch vor Ärzten nicht halt, also auch nicht vor denjenigen, die in irgendwelchen Gremien sitzen. Karl Lauterbach ist in dieser hier angesprochenen Politik eine prominente Stimme, er ist telegen, er verfügt als Mediziner über einen gewissen Sachverstand, und er ist in so genannten Entscheidungsgremien tätig. Sein kürzlich vorgelegtes Buch zeugt von einem Menschenbild, das ich nicht teile: Lauterbach ist mir zu dirigistisch, etwa wenn er dafür plädiert, dass Kinder ab dem dritten Lebensjahr in staatliche Betreuung gehören - das ist jetzt nur ein Beispiel von vielen. Ich setze ihm unser Grundgesetz entgegen, in dem es heißt, staatliche Eingriffe seien nur dann möglich, wenn sie gut begründbar sind, und zwar zum Schutz des Einzelnen wie dem der Gesellschaft. Was dem zuwider handelt, muss unzulänglich sein, und dazu zähle ich Lauterbachs Familienpolitik. Ich möchte beispielsweise auch intakte Familien geschützt sehen und nicht nur Migrantenfamilien, um es mal ganz überspitzt zu formulieren!


SHÄ: Ein Wort zur jüngsten Gesundheitsreform - die müssten Sie doch begrüßen, denn sie stützt die Hausärzte ...


Dr. Gattermann: ... richtig, aber: Jede Stärkung einzelner Teile der Ärzteschaft führt zur Vernachlässigung anderer Teile und schwächt diese. Eine weitere Umverteilung von Mangel kann zu nichts führen! Der Zusammenschluss aller niedergelassenen Ärzte vor vielen Jahrzehnten war genau der richtige Schritt, wenn es auch innerhalb des daraus entstandenen Systems zu Auswüchsen gekommen ist. Jetzt aber wird versucht, diesen Schritt sukzessive rückgängig zu machen, die einzelnen Teile der Ärzteschaft gegeneinander auszuspielen. Maßgeblich daran beteiligt ist Karl Lauterbach. Was meinen Sie denn, warum er so massiv versucht, die KVen klein zu bekommen?! So etwas ist politisch gewollt, weil es eine Schwächung der Ärzteschaft insgesamt bedeutet.


SHÄ: Bleibt zu fragen, wem eine solche Schwächung nützen würde. Was schlagen Sie vor, was soll dagegen getan werden, wenn denn Kammer und KV dazu nicht in der Lage sind?


Dr. Gattermann: Ich sehe die genannte Schwächung der Ärzteschaft und die jetzt angepeilte Aufweichung intimer Daten der Menschen, nämlich in erster Linie die unserer Patienten, als äußerst bedrohlich. Stattdessen muss die bereits genannte Begegnung von Arzt und Patient stärker geschützt werden. Dass sage ich so, obwohl oder weil ich weiß, dass dies für die Politik ein großer Machtverlust wäre, wenn nämlich Arzt und Patient über die fraglichen Daten verfügen könnten und nicht die Politik. Also setze ich jetzt als Arzt alles daran, dies und anderes meinen Patienten gegenüber anzusprechen. Wir müssen darüber sprechen, dass der Sozialpolitiker Karl Lauterbach gleichzeitig im Aufsichtsrat eines großen Klinikkonzerns sitzt, der Kliniken en masse aufkauft und auch bereits in den ambulanten Bereich eingreift. Um zum anderen für mehr Transparenz im System zu sorgen, sollten wir zu Arztrechnungen übergehen. Dabei sollten wir trennen zwischen akut und chronisch Kranken. Der akut Kranke soll zuzahlen müssen, der chronisch Kranke nicht. Zumindest für den Patienten wäre dies ein Weg aus der Pauschalabrechnung, der seitens der Politik alles Mögliche unterstellt wird.


SHÄ: Noch einmal zu Ihrem Buch - wie soll ich es lesen, wie soll es jeder andere Leser lesen?


Dr. Gattermann: Dieses Buch ist eine Schrift von jemandem, der außerhalb der Institutionen steht. Dieses Buch ist der Versuch, mich zu artikulieren. Das Buch von Karl Lauterbach versuche ich mit einem Gegenbuch zu beantworten, um zu zeigen, dass es auch eine gegenteilige Meinung gibt. Meine Beobachtung ist die: Karl Lauterbach gilt als der Einzelkämpfer, dem es immer wieder gelingt, sich Gehör zu verschaffen und damit Meinung zu machen. Dem muss einmal etwas entgegengehalten werden, und genau das versuche ich mit meinem Buch bei meinen Kollegen.


SHÄ: Besten Dank für diese Erläuterungen, Herr Dr. Gattermann!
Werner Loosen, Faassweg 8, 20249 Hamburg


Aus Prof. Karl Lauterbachs Buch "Der Zweiklassenstaat - Wie die Privilegierten Deutschland ruinieren" (ISBN 978 3 499 62265 6): "In der Tat sind alle Bereiche unserer sozialen Sicherung ungerecht, also neben dem Gesundheitswesen auch das Rentensystem und die Pflegeversicherung. Selbst der deutsche Arbeitsmarkt ist nicht neutral, sondern schreibt systematisch die durch das ungerechte Schulsystem bedingten Nachteile fort. Von der Wiege bis zur Bahre wird in Deutschland die Chancengleichheit verwehrt. Stattdessen herrscht der Zweiklassenstaat. ... Es ist eine Schande: Statt für einen gerechten Ausgleich zu sorgen, vergrößert der deutsche Staat die Kluft zwischen Arm und Reich. Intelligente Kinder aus armen und bildungsfernen Familien haben - bei gleicher Leistung - eine vielfach geringere Chance, aufs Gymnasium zu kommen und zu studieren. Als Niedrigqualifizierte und Geringverdiener erledigen sie Jobs, die die Gesundheit stärker gefährden als akademische Berufe. Sie haben deshalb ein höheres Krankheitsrisiko und eine kürzere Lebenserwartung. Als Kassenpatienten leiden sie dann unter der Zweiklassenmedizin, die privat Versicherten den Vorzug gibt." 


Aus Dr. Martin Gattermanns Buch "Medizin mit Menschlichkeit - Wie die Mächtigen die Zukunft unseres Landes verspielen, indem sie seine Vergangenheit verachten. Ein Hausarzt widerspricht Prof. Lauterbachs ‚Zweiklassenstaat’" (ISBN 978 3 9803953 3 5): "Versteht man aber seinen Arztberuf ... als eine Begegnung zweier Menschen ..., ist die neue Welt des diskutierten Buches kalt und nach überliefertem Verständnis inhuman. Ob die heutige Gesundheitspolitik in diesen wesentlichen Ambitionen noch zu stoppen ist, weiß niemand. Sehr viele Patienten und sehr viele Ärzte, die hier wachen Auges und offenen Herzens waren, haben leider schon resigniert und begonnen, sich einzurichten. Diejenigen aber, die auch in geschichtlicher Dimension wissen, was auf dem Spiel steht, und diese neue Welt, weil eigentlich nicht lebenswert, verhindern wollen, stehen unter massivem Druck: zeitlich, wirtschaftlich, aber auch durch den vorgeblichen oder vielleicht schon tatsächlichen Zeitgeist. Wenn Politik Gestalten mit dem Ziel von Verbesserungen ist, dann muss sich die heutige Gesundheitspolitik fundamental ändern, sonst ist sie nur Liquidator einer guten, zumindest aber deutlich besseren alten Zeit." (wl)

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 9/2008, S. 26-28 oder als pdf (169 KB)

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Die Kassenmedizin und ein mutiger Kommunalpolitiker

oder:
Hört ihn, bevor es zu spät ist oder er „verhindert“ wird.
Zum Artikel „Was derzeit wirklich passiert“ von Dr. Jan Erik Döllein (Nordlicht 8/2008 S. 24-27).
Martin Gattermann 

Reinhard Mey erhofft sich in seinem Lied „Sei wachsam“ „etwas Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit“. Kompliment an das Nordlicht, diesen Artikel abzudrucken, und allen Respekt vor dem Mut und der Einsicht unseres Altöttinger Kollegen Dr. Döllein.

Es ist hochriskant in heutiger Zeit, Ross und Reiter so offen zu nennen. Erlauben Sie mir eine nicht polemisch, sondern sehr ernst gemeinte Analogie: Den Weg in den Nationalsozialismus bereiteten die Undemokraten der Weimarer Zeit unter anderem durch die Gewalt der Strasse (und dann auch gegen die Parlamentarier), in dem sie Gegenmeinung physisch bedrohten oder den Gegner gar vernichteten. Das Schweigen und Dulden wurde für die große Masse zur Überlebensnotwendigkeit. Das Risiko in heutiger Zeit hingegen ist die oft recht umgehende juristische Bedrohung von Meinungsäußerern. Dies ist beispielsweise in der Gegenwehr von früher Mächtigen der ehemaligen DDR gegen ihnen missliebige heutige Äußerungen häufige Gewohnheit: Man versucht sie juristisch mundtot zu machen. Die Kanzlei eines sehr bekannten Spitzenpolitikers der SED-Nachfolgepartei soll da eine unrühmliche Vorreiterrolle spielen.

Wenn also in dieser „verkrümmten Zeit“ jemand wie Kollege Döllein so deutlich Klartext spricht, läuft er massiv Gefahr, „verhindert“ oder „verstummt“ zu werden. Wir- die schweigende Mehrheit der deutschen Ärzteschaft, an die er sich ja schließlich wendet - werden auf ihn aufpassen müssen. Er ist gefährdet.

Es ist erstaunlich und wirklich wohltuend, wie offen er anprangert. Keine Verbiegung, kein Potentialis, keine Unschärfe. Man wünscht ihm eine aufgeweckte und von ihm erweckte große Leserschaft.

Alle Details seiner Analyse stimmen, und es sei aus der Sicht eines der MVZ-Welt Kritischen erlaubt, besonders darauf hinzuweisen, dass unsere politisch gewollte Verarmung uns in diese „Gesellschaftsform“ treiben soll, und dass diese dann nur wirtschaftlich legitimiert ist, wenn sie über (weiteres) Lohndumping die Ausgabenseite heiligt. MVZ dienen der Aufkaufbarkeit unserer ambulanten Medizin, die wir als (mehr und mehr nur Schein-) Selbständige bisher ein Stück weit unabhängig erhielten.

Bei aller Kritik an Bertelsmann & Co und dem Verweis auf die vier medizinischen Großkonzerne (parallel zur „Viererbande“ der Energieversorgung übrigens) fehlt mir aber ein Namen: Der von Professor Karl Lauterbach. Er ist ebenfalls Aufsichtsratsmitglied in der Röhn-AG, verschweigt dies aber in seinem Buch „Der Zweiklassenstaat“ komplett. Er liefert den Gegnern einer freien Ärzteschaft und einer individuellen Medizin pseudowissenschaftliches Futter und seinen Politikerkollegen die Munition, mit der sie uns bekämpfen. Er ist die Nahtstelle unserer Berufsgruppe zur Politik, die wie zu Recht moniert bertelsmannstiftungsgläubig manipulierbar ist.

Wir haben eine verdammte intellektuelle und moralische Pflicht, diese Verwobenheiten und Abhängigkeiten zu erkennen und zu brandmarken. Dr. Döllein hat sein Haupt sehr weit aus der Deckung erhoben. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht zu weit war. Ich bitte alle Kolleginnen und Kollegen, seinen weiteren Werdegang zu beobachten und zu begleiten. Dies hat er mit seinem Mut verdient. 

Quelle: Nordlicht Aktuell, 09/2008, Seite 19 oder als pdf (169 KB)

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Kassenmedizin und Ehrlichkeit

oder: Unser Joch ist nicht nur die Politik
Martin Gattermann 

Es ist erstaunlich, wie scheinbar lautlos sich die "lebenslange Arztnummer (LANR)" installieren lässt. Es scheint kaum zu stören, dass eine weitere Schraubendrehung zur Verwirklichung der Orwellschen Vision "1984" geschafft ist. Es gibt sicher genug Kolleginnen und Kollegen, die eine solche Nummerierung für zynisch halten und diesen Zynismusvorwurf gleich auf die berufsständische Diskussion beziehungsweise deren Begründung erweitern.

Euphemismen gehören immer dann zum Handwerkszeug, wenn man andere (ver-) führen will. So gehen die Neuerungen des "Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes" konstant als "Liberalisierung" oder "neue Freiheiten" durch. Liberalisierung wozu? Bei Lichte besehen erkennen nicht nur Ewiggestrige, dass die Politik in der Entindividualisierung und Partikularisierung ärztlicher Arbeit  mit diesem Gesetz einen beträchtlichen Schritt weiter gekommen ist. Was ist denn wirklich gewonnen, wenn ein Arzt mehrere Tätigkeiten oder gar Jöbchen nebeneinander betreiben darf? Ist es nicht ein Riesenschritt in Richtung Industrialisierung unseres Wirkens, in die Heimatlosigkeit abhängiger Beschäftigung?

Nichtsdestotrotz: Die KBV (Kassenärztliche Bundesvereinigung) führt als Umsetzungsinstrument die Arzt- und die Betriebsstättennummer ein. In einem in mehrfacher Hinsicht aufmerkenswerten Interview (vom 19.06.2008) des änd (Ärztenachrichtendienstes) mit dem Vorstandsvorsitzenden der KBV, Dr. Andreas Köhler, wird als einzig berechtigter Kritikpunkt eine mögliche Ausnahmeregelung für fachgleiche Gemeinschaftspraxen anerkannt. In der Tat ist in der tagtäglichen Arbeit einer solchen fachgleichen Gemeinschaftspraxis das Bürokratiemonsterhafte der neuen obligatorischen Regelung besonders deutlich spürbar. Trotz weiter bestehender gemeinsamer Haftung wird jegliche Leistung einem einzelnen Arzt zugeordnet. Folgerezepte, Laborziffern oder gar gemeinschaftliche Patientenkontakte zwingen zu teils höchst artifizieller Festlegung auf einen (Haupt-) Verantwortlichen, ohne auch nur im Geringsten irgendwelche Ergebnisverbesserungen versprechen zu können. Es sind dies einfach nur Zusatzerschwernisse, Irrtumsmöglichkeiten und Zeitaufwand ohne irgendeine Entschädigung, Liberalisierung und Bürokratieabbau zum Hohn. Da wirkt dann der Hinweis, dass die Unterschrift jedes Praxispartners unter Verordnungen akzeptiert werde, wenn nur ebene eine der individuellen Arztnummern der Praxisbetreiber mit aufgedruckt ist, als geradezu systemüberwindend, ja fast revolutionär.

Der Kern eines allerdings real kaum spürbaren Widerstandes gegen die Einführung der Kennzeichnungspflicht wird im Interview abschließend angesprochen: Die Möglichkeit nämlich, "zeitliche und räumliche Tätigkeitsprofile" anlegen zu können. Dies dementiert Dr. Köhler.

Für wie vergesslich hält man aber bei einem solchen Dementi den Kassenarzt? Ist nicht vielmehr die Analogie auf die Jagd bei den Quartalsabrechnungen auf Kolleginnen und Kollegen, die das Zeitprofil sprengen, mehr als nur naheliegend? Warum soll nicht genutzt werden, was technisch geht? Warum werden diese Daten dann überhaupt erst erhoben?

Doch man sollte genauer lesen, was gleich zweimal in diesem Interview festgestellt wird: Die Betriebsstättennummer "stellt letztlich auch einen Schutz für die korrekt und richtig abrechnenden Ärzte dar". "Aber wir wollen die ehrlich und korrekt abrechnenden Kolleginnen und Kollegen schützen."

Das Wesen der Politik im Umgang mit uns Ärzten ist seit Seehofers Zeiten das der Missgunst und der Unterstellung von Unfähigkeit oder Unredlichkeit. Fast alle neuen Auflagen und Schikanen in den letzten zehn Jahren atmen diesen Ungeist. Und deshalb sollte man die Begründung des obersten KV-Chefs doppelt ernstnehmen. Wenn, so muss man herauslesen, nicht ständig neue Kontrollen eingeführt und durchgesetzt würden, würde (immer mehr?) betrogen und gelogen.

Es beschämt mich als Arzt und als politisch Denkenden, dass man völlig ohne Not bei einer Neuregelung auch von berufsständischer Seite den Betrug abwehren zu müssen glaubt. Trotz aller in diese Richtung agierenden Demütigungen seitens der Politik ist der deutsche Kassenarzt (noch) nicht so schlecht, wie ihn die veröffentliche Meinung zu sehen vorgibt. Dass sich unsere eigene berufsständische Vertretung dieser Perspektive unterwirft, wird die Entfremdung des real arbeitenden Arztes von seiner "Führung" immer weiter treiben.

Wie viele, denen der Begriff noch etwas bedeutet, fühle ich mich in meiner Ehre gekränkt, wenn mich meine eigene berufsständische Vertretung im Ruch der Unehrlichkeit sieht.

Quelle: www.facharzt.de, 18.7.2008

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Medizin mit Menschlichkeit
Wie die Mächtigen die Zukunft unseres Landes verspielen, indem sie seine Vergangenheit verachten.
Ein Hausarzt widerspricht Professor Lauterbachs „Zweiklassenstaat“
Martin Gattermann 

"Seit über einem Jahrzehnt führt die Politik eine Auseinandersetzung mit der deutschen Ärzteschaft, die die Ärzte oft demütigt und ihnen mehr oder minder offen mißtraut. Sie scheint sich darauf verständigt zu haben, überwiegend den Ärzten die Schuld an einer scheiternden Gesundheitspolitik zuzuschreiben. Einen besonderen Höhepunkt bildet die Darstellung des Gesundheits- und Sozialpolitikers Professor Dr. Karl Lauterbach in seinem Buch "Der Zweiklassenstaat".

Sein Buch darf nicht unwidersprochen bleiben. Es gibt in vielen Bereichen einen zumindest diskussionsbedürftigen Einblick in das Denken und Handeln der heutigen Politiker gegenüber Patient und Arzt. Dieser Auseinandersetzung stellt sich hier der Kassenarzt und Nichtpolitiker Martin Gattermannn. Er versucht, dem Leser positive Alternativen aufzuzeigen, und veranschaulicht, auf welchem fatalen Weg die heute Verantwortlichen schreiten. Auch im Blick auf die Geschichte hält er viele positive Alternativen bereit und ermuntert zum Mitdenken und zum Widerstand. Er richtet sich gleichermaßen an Patienten und Ärzte.

Der Autor Dr. med. Martin Gattermannn ist seit 25 Jahren Arzt und seit 1991 mit seiner Frau als Kassenarzt (Allgemein- und Badearzt) in St. Peter-Ording tätig."

Erschienen im Verlag infolab, Auflage: 1 (14. Juli 2008), Taschenbuch: 199 Seiten; ISBN-10: 3980395332, ISBN-13: 978-3980395335, zu beziehen auch über Amazon -> M. Gattermann, Medizin mit Menschlichkeit

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Vom Druck befreien
Martin Gattermann 

Zu „Immer mehr Patienten klagen über ihre Ärzte" (Ausgabe vom 6. Juni)

Solange unsere politischen Größen - personifiziert beispielsweise in Professor Karl Lauterbach (SPD) - Patienten (und Rentner übrigens auch) nur noch als soziale Probleme und als Kostenfaktoren verstehen und seit einem Jahrzehnt die Ärzteschaft und den einzelnen Arzt demütigen und in Misskredit bringen, solange braucht man sich über Verwerfungen im System nicht zu wundern oder gar zu entrüsten.
Die gesamte Geldknappheit (vorgeblich oder real) wird in verlogener Weise am Arzt festgemacht - und er haftet persönlich dafür. Das Schlimmste aber ist, dass wir Ärzte inzwischen tatsächlich diese Deformierungen mit verschlimmern. Wir spielen den Ball leider all zu oft weiter, statt ihn zurückzugeben.
Der kranke Mensch braucht den offenen Arzt, die Empathie und die Zuwendung. Wenn dieser aber seit vielen Jahren unter immer stärkerem Druck steht, wird er dies immer schlechter können. Leider haben schon viele aus unseren Reihen resigniert.
Sobald die Begegnung zwischen krankem Menschen und Arzt wieder von all diesem, den Patienten oft gar nicht bekanntem materiellen und psychologischen Druck befreit wird, wenn neben der Würde des Kranken auch die seines Arztes wieder zählt, wird sich die heutige Fehlentwicklung umkehren lassen. Wenn die gar nicht so unberechtigte Kritik auch der Ombudsleute nicht mehr primär die Mitopfer Ärzte, sondern die verursachende Gesundheitspolitik erreicht, dann kann diese Änderung möglich werden. Wünschen wir alle dem „Patienten Gesundheitswesen" eine gute Besserung!

Quelle: Husumer Nachrichten (Schleswig-Holsteiner Zeitungsverlag) oder als pdf (179 KB)



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Norbert Nick (1947-2007)

Nachruf auf einen Landarzt
Martin Gattermann 

"Wenn ich Verantwortung scheute, wäre ich nicht Arzt." (Axel Munthe, Das Buch von San Michelle, 1929)         

Hier soll einem "normalen" Vollblutarzt die schwierige Ehre eines Nekrologs zuteil werden, dem, weil sein ganzes berufliches Streben nur seinen Patienten diente, nachgerufen werden soll.

Norbert Nick ist nicht nur auf Eiderstedt vielen Kolleginnen und Kollegen eines ehrenden Nachdenkens wert. Im Westen der Halbinsel, in St. Peter-Ording, und den angrenzenden Gemeinden kennt ihn buchstäblich jeder, und er war den meisten von ihnen viele Jahre lang Hausarzt. 

Er ist 1947 in Kettwig bei Essen geboren und eines von vier Kindern einer Ingenieursfamilie. Nach Ausflügen - Umwege waren es in seinem Lebensplan nicht, weil er stets einen positiven Sinn vermutete und fand - in Jura einerseits und Kunst und Pädagogik anderseits studierte er bis zu seinem Staatsexamen 1974 in Kiel den Beruf, den schon sein Vater hatte erlangen wollen: Arzt. Beim Studium und in der Facharztausbildung führten ihn verschiedenste Interessen und Neugier quer durch Deutschland, ehe er schließlich fünf Jahre lang den Großteil seiner Weiterbildung im Kreiskrankenhaus Husum absolvierte. 

Die Nordsee hatte er wegen eines Hautleidens schon als Kind erleben und lieben gelernt. Mit seiner Niederlassung in St. Peter-Ording folgte er einem Ruf der Kassenärztlichen Vereinigung und der politischen Gremien, weil hier 1982 "akuter Ärztemangel" herrschte. Mit einem breiten Leistungs- und Qualifikationsspektrum war er schließlich "der" Haus- und Familienarzt dieses Ortes, ehe er mit knapp 60 Jahren gesundheitsbedingt aufgeben musste. Er hat diese für uns alle völlig überraschende Entpflichtung nicht einmal ein Jahr überleben dürfen. 

Norbert Nick war, was bei seiner ubiquitären beruflichen Präsenz viele nicht wahrnahmen, in hoher Priorität Familienvater und Ehemann. Die Familie Nick hat zwei Kinder, und die Tochter ist trotz und wegen des Vaters ebenfalls Ärztin, und führte ein offenes Haus, beherbergte oft Austauschschüler und zog manches benachteiligte Kind aus dem sozialen Umfeld mit auf. Er war leidenschaftlicher Hand- und Heimwerker, viel mehr als nur Bastler und niemals Dilettant. Modellschiffbau und vieles andere gelang ihm in nahezu professioneller Weise. 

Seiner Gattin Ilse, geborene Pörksen aus Fischerhäuser/Aventoft/ Nordfriesland, mit der der Verfasser dieser Zeilen ein langes Gespräch führen durfte, verdankt er nicht nur tieferen Einblick in Person und Wirken unseres verstorbenen Kollegen, sondern auch die Einsicht, dass man ein viertel Jahrhundert in einem kleinen Ort nebeneinander beruflich wirken und sogar persönlich miteinander verbunden sein kann, ohne sich eigentlich richtig zu kennen, obwohl wir in unserem Beruf uns guter Menschenkenntnis wähnen. Erfahren hat er aber auch, dass der eigentliche Mittelpunkt der Familie Nick seine warmherzige und kluge Frau ist, die ihm zuliebe selbstverständlich auf eine eigene berufliche Karriere verzichtet hat, und ihn mit dem schönsten Lob, das einem Arzt im ständigen Spagat enger zeitlicher Ressourcen zwischen Berufs- und Familienpflichten und eigenen Interessen geschenkt werden kann, bedenkt: Sie habe ein "leichtes Leben" gehabt.

 Obschon "ständig erreichbarer" Hausarzt und darin eine überragende Institution, war er Mitschöpfer von Selbstvertretungs- und Bereitschaftsdienstmodellen, die schließlich in die Schaffung des "Eiderstedter Notdienstes" mündeten, der den heutigen "Ärztlichen Notdienst" in seiner Akzeptanz in Bevölkerung und Kollegenschaft weit übertraf. Er war Gründer und Mentor eines hausärztlichen Kollegenkreises, bei dem sich alle Niedergelassenen unseres Ortes mehrfach im Jahr bei ihm zuhause trafen, lange bevor man hausärztliche Qualitätszirkel oder ähnliches schuf und obligatorisch machte. Dabei konnte er amüsierend und amüsiert Begebenheiten des täglichen Arztlebens zum Besten geben, so beispielsweise über Zwangsschulungen durch die KV darüber, wie man "ungerechtfertige Forderungen" von Patienten nach physikalischer Therapie abzuwehren lernen könne. Ihm, dem Hundefreund, gefiel dabei besonders das Wortspiel, dass hier die allgegenwärtige Angststeuerung in unserem Beruf dazu präformiert werden sollte, ihn zu einem "Angstbeißer" zu machen.

 Funktionen in der organisierten Ärzteschaft bekleidete er, der den Verfall unseres Standes mit wachem Auge und sinkendem Mut beobachtete, aus kritischem Vorbehalt nicht. Er engagierte sich aber in der Kommunalpolitik als Unabhängiger, nicht um sich persönlich zu profilieren, sondern, "um an der Gestaltung mitzuarbeiten". Er tat dies in unserem Gemeinwesen in praktisch allen sozialen Segmenten, ob Medizin-, Schul-, Drogen-, Kultur- oder sonstigen Fragen. Seine Mitgliedschaft bei den Rotariern führte der Familie ständig ausländische Austauschschüler zu. Als bildender Künstler gewährte er mit seinen größerformatigen Gemälden photorealistisch-verfremdende Einblicke in seine Umgebung - und sein Seelenleben. Seine Bescheidenheit hielt den Fremderen von ihnen fern, während dem Vertrauten im persönlichen Teil seines haubargähnlichen, über 200 Jahre alten Hauses die Wände von ihnen gefüllt waren. Eindrucksvolle Naturfotografien verdanken sich seinem Hobby Jagd, dem er viel lieber beobachtend und fotografierend denn mit der Waffe nachging.

 Neben körperlichen Leiden, die er in weitem Maße vor seinen Patienten, vor uns Kollegen, aber auch vor seiner Familie zu verbergen wusste, zerbrach er an einer uns immer mehr erdrückenden Bürokratie. Er litt daran, dass individuelles Arzttum einer kontrollwahnhaften Einflussnahme von außen unterworfen ist und in immer stringentere Korsetts geschnürt wird und dass die Uniformierung durch Bemessung und Sanktionierung am Durchschnitt dem Engagierten und mit seinen Patienten Solidarischen immer mehr die Luft nimmt, einem Asthmatiker wie ihm auch im wörtlichen Sinne. Bis zuletzt arbeitete er mit handschriftlichen Krankenakten, obwohl er sich für die Kommunikation längst die moderne Datenwelt erarbeitet hatte. Es ist, wenn man ihn kannte, nicht verquer zu vermuten, dass er die Vertraulichkeit ärztlichen Wissens nicht einem Medium anvertrauen wollte, dessen Ausspionierbarkeit wir tagtäglich erleben.

 Die Ärzteschaft weit über St. Peter-Ording hinaus verbeugt sich vor einem großen Menschen und Kollegen, dem es nicht vergönnt war, nach einem sehr arbeitsintensiven Leben mit seinen vielen Interessen ausruhen zu dürfen. Die Kürze seines Lebens sollte uns Zurückbleibenden zu noch bewussterem Umgang mit dem kostbaren Gut "Zeit" gemahnen. Wir verlieren einen meist fröhlichen, verschmitzten, oft ironischen, konstruktiv kritischen und mahnenden Kollegen und Kameraden. Er behandelte seine Mitmenschen - gleich ob in der Familie, seine Patienten oder in der kommunalen Gemeinschaft oder uns Kollegen - mit Offenheit und Empathie, Vertrauen und Respekt. Neben seiner hohen fachlichen Qualifikation waren dies die Pfeiler seiner Motivation und seines Handelns. Er gemahnt uns andere, um die Wiederherstellung und den Erhalt seines Berufs- und Menschenbildes gegen alle Wirrnis unserer Zeit zu kämpfen. Requiescat in pace!

Quelle: Schleswig-Holstein-Ärztblatt 11/07, Seite 21 oder als pdf (82 KB)



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eGK: „Wann geht’s denn nun los?"
Martin Gattermann

Auf welchem Niveau wollen Sie eigentlich mit einem derartigen Artikel welche Leserschaft erreichen? Merken Sie denn nicht, dass es längst nicht nur eine querulatorische Kleingruppe der in der KVSH zwangsbemitgliederten niedergelassenen Ärzteschaft ist, die sich nicht zu Erfüllungsgehilfen der EDVWirtschaft machen lassen und dem deutschen Daten-GAU entgegenwirken will?

Eine Werbeveranstaltung einer Krankenkasse – klar, dass diese Mitspieler im Konzert des Gesundheitswesens hier massive Interessen verfolgen – lädt ein, und Sie berichten darüber.

Nein, eine solche Art des Problemumgangs ist eines „Offizielle[n] Mitteilungsblatt[ es] der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holsteins“ nicht würdig. Wir als Ärzteschaft haben nicht den geringsten Grund, einer eGK Vorschub zu leisten. Wir Ärzte erkennen doch tagtäglich, wie unser Gemeinwesen heruntergewirtschaftet wird.

Widerstand tut Not! Wenn die derzeitige Entwicklung anhielte, lohnte sich unser Beruf bald nicht mehr. Ob eine reale Chance besteht, den Verfall wirksam aufzuhalten, weiß ich nicht. Aber dass man es versuchen muss, davon bin ich zutiefst überzeugt.

Quelle: Nordlicht Aktuell, 09/2007, Seite 14 oder als pdf (457 KB)



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Betreuung in der Kassenmedizin
Martin Gattermann

"Die neue Aristokratie bestand in der Hauptsache aus Bürokraten, Wissenschaftlern, Technikern, Gewerkschaftsfunktionären und Berufspolitikern" (Georg Orwell, 1984, übersetzt Berlin 29/2007, S. 247). Tatsächlich lohnt die wiederholte - zugegebenermaßen schwierige - Lektüre der Vision Orwells, die er nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges und im Eingeständnis des Scheitern seiner kommunistischen Utopien niedergeschrieben hat. Als Intellektueller sollte man sie eingangs des Berufslebens und dann noch einmal, wenn man an den realen Bedingungen zu zerbrechen droht, also im reifen Mannesalter vor der endgültigen beruflichen Resignation, lesen. Und erst aus heutiger Sicht offenbart sich das Dargestellte als die perfekte Abbildung einer Computerdiktatur, was dem Dichter bei der Niederschrift, aber auch dem Leser im fiktiven Spielzeitraum nicht klar gewesen oder geworden sein können, weil der Einzug der Digitalisierung in alle Lebensbereiche erst in den 80er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts begann.

Der Begriff "Betreuung" der kassenärztlich Tätigen ist bewusst doppeldeutig gewählt. Zum einen meint er die Abrechungsziffern 03001 f. ("Koordination der hausärztlichen Betreuung" bestimmter Patientengruppen), zum anderen aber auch das, was uns kassenärztliche Fürsorge und Führung in Gestalt der "Kammer Prüfung Honorar" an Entscheidungsspielräumen gewährt oder, besser, einschränkt. "Überprüfung der Wirtschaftlichkeit der vertragsärztlichen Versorgung", ein Brief des Absenders Gemeinsame Prüfungseinrichtung der Vertragsärzte und Krankenkassen in Schleswig-Holstein. "Kammer Prüfung Honorar" gehört zu denen, die einem schon ungeöffnet die beste Arbeitslaune belasten. Mögen sie auch selten sein, es ist zu vermuten, dass sie sich inflationär ausgebreitet haben. "Unschärfen" der Bestimmungen unserer Arbeit dürften hier entscheidend das Gedeihen dieser Art KV-Arztkontakte begünstigen. Wie kann der Einzelne erkennen, wie einzeln er ist?

Oder anders: Wie kann man sich eigentlich gegen den Vorwurf wehren, eine bestimmte Abrechungsziffer anders - mehr - abgerechnet zu haben als die Mehrheit? Man kann nur vermuten, und sieht sich gezwungen, bei der Stellungnahme zu den eigenen Ungunsten zu argumentieren. Eingedenk der von unserer Kassenärztlichen Vereinigung am 20. Juli 2005 "verfügten" Einbeziehung des Diabetes mellitus in die Reihe der Krankheitsbilder, für die die Abrechung einer "Betreuung" zulässig sei, gaben wir dann in der prompten "Stellungnahme für die Beratungen" Folgendes zu bedenken: "Wohl abweichend von einer Mehrzahl Kolleginnen und Kollegen haben wir die Ziffer 03001 gemäß EBM-Newsletter vom 20. Juli 2005 bei unseren Diabetikern in Ansatz gebracht. Inzwischen hat die KVSH diese Zuordnung mit Verweis auf die KBV widerrufen, daher haben wir unsere Abrechnung ab II/07 ebenfalls wieder umgestellt." Als Zoon politikon schob ich an gleicher Stelle vorsorglich nach: "Die geradezu willkürliche Handhabbarkeit der Chroniker- und Betreuungsziffern müsste ein Umdenken induzieren: Unsicherheiten wie oben angesprochen können nicht einseitig uns Kassenärzten angelastet werden und als Teil der uns auch von unseren eigenen berufsständischen Vertretungen gehandhabten Angststeuerung instrumentalisiert werden. Die einzige logische Forderung, um Verbiegung und Verbiegsamkeit vorzubeugen, bestünde in einer ersatzlosen Abschaffung dieser Ziffern: Sie erschweren die Abrechung, sie eröffnen Interpretationsspielräume und - sie verbessern keinerlei Abrechnungsqualität. Nach meiner Einsicht sind sie schlichtweg nur schikanös und völlig überflüssig." Ob dies der Grund war, dass der Bescheid über das Sitzungsergebnis acht Wochen der Reife bedurfte, bis es den Weg zum Empfänger fand - fast ein Quartal der Ungewissheit, wie zukünftig abzurechnen sei, ließ man verstreichen! -, kann nur spekuliert werden, ebenso über das Wie der Diskussion unserer Entgegnung. Chroniker- und Betreuungsziffern werden nicht erbracht, sondern spiegeln die Situation des "Patientengutes" - die Morbiditätsverteilung - wider. Die mit dem neuen "Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM)" eingeführten Chroniker- und Betreuungsziffern können und sollen mit Blick auf zukünftige Gängelungsstrategien (Ausrichtung der Honorierung an der "Morbidität", am "Morbi-RSA", schon jetzt Anwärter als Unwort des Jahres 2008) in Ansatz gebracht werden, wenn bei Patienten mit den angegebenen Erkrankungen bestimmte - vom Verordnungsgeber ganz offensichtlich auch gewünschte - "obligatorische Leistungsinhalte" erfüllt sind. Wenn bei ihrem Ansatz etwas falsch laufen kann, dann eigentlich nur, dass der Kassenarzt die Interpretation der Krankheit anders vornimmt als Kommissionen seiner eigenen Kassenärztlichen Vereinigung. Und wie am aktuellen Beispiel aufgezeigt, sind diese Interpretationen zudem inkonstant. Die Bescheidwirklichkeit nimmt dies sogar wahr: "Wie Sie selbst schreiben, wurde die Zuordnung seinerzeit gemäß EBM Newsletter der KVSH vom 20. Juli 2005 vorgenommen. Zwischenzeitlich hat die KVSH diese Zuordnung widerrufen und ab dem Quartal II/07 wurde Ihrerseits wiederum eine Umstellung vorgenommen." Dankbar möchte man das Schreiben zur Seite legen. Man hat "verstanden". Die eigene KV hatte sich geirrt (?), und man war ihr in diesem Irrtum offensichtlich weiter gefolgt als andere? Aber nein, natürlich steht nicht dieses am Schluss des Schreibens, sondern: "Die Kammer Prüfung Honorar erwartet, dass Sie diese Beratung zum Anlass nehmen, Ihre Behandlungsweise (sic!) stärker nach den Kriterien des Notwendigen und Ausreichenden ausrichten. Gleichbleibend hohe Abweichungen können Honorarminderungen zur Folge haben." Wer beginnt wann mit der De-Regulierung und Entbürokratisierung?

Kolleginnen und Kollegen Berufspolitiker, oft dem Machbaren näher scheinend als dem Wünschbaren oder dem, was die Basis von Ihnen erwartet, eine solche Wertung kassenärztlichen Abrechungsverhaltens darf nicht durchgehen. Der ganze zukünftige Eiertanz mit zig Individual- und Kollektivverträgen wird nur eines bewirken: Eine Überbürokratisierung unserer Arbeit, eine zunehmende Entfremdung vom Kranken und seinem Arzt und eine ebensolche der Ärztin und des Arztes von ihrem/seinem Beruf. Wir dürfen uns unsere Berufsausübung nicht bis ins Lächerliche partikularisieren lassen. Widerstand des einzelnen Arztes, aber auch praktische Solidarität unserer eigenen, von uns bezahlten berufsständischen Vertretung fordere ich ein! Die so genannten Sachzwänge unserer Arbeit sind menschengemacht, und zwar von der Politik und unserer eigenen Berufspolitik. Was haben wir eigentlich noch zu verlieren, wenn wir - gemeinsam: Sie und wir! - uns endlich gegen diesen bürokratischen Quast wehren? Nicht nur das Abrechungswesen hat sich weit entfernt vom "Notwendigen und Ausreichenden"!

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 09/2007 S. 52-54 oder als pdf (70 KB)



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Begutachtung bei Antrag auf Pflegegeld
Martin Gattermann

Danke, dass Sie sich dieses Tabu-Themas angenommen haben. Die klugen und mutigen Ausführungen sind im gleichen Sinne fast beliebig ergänzbar.

Zunächst sind es nach meiner Beobachtung nicht die Pflegefachkräfte, sondern unsere eigenen Kollegen, oftmals aus dem Lager der Niedergelassenschaft kommend, die begehen und begutachten. Offen lassen muss man, inwieweit diese Begutachtungsergebnisse nicht doch analog der Kassenlage variieren. Bezeichnenderweise gibt es in unserer kontrolldurchwebten Verwaltungs- und Gängelungswelt meines Wissens keine freizugänglichen Daten oder gar unabhängigen Erhebungen hierzu.

Gutachter und Begutachtete sind im Grunde beide Opfer eines Systems, das mit einer zunehmend immer mehr zu knapp werdenden Finanzdecke auskommen muss oder will. Die Begegnung zwischen beiden ist aber oft genug für die Alten traumatisierend, weil sie darauf angelegt zu sein scheint, den Begutachteten und ihren Angehörigen nachweisen zu müssen, dass ihr Antrag auf Erhalt oder Erhöhung einer Pflegestufe nicht gerechtfertigt sei. Hier begegnen sich also Arzt und Kranker (beziehungsweise Pflegebedürftiger) nicht in einem konstruktiven Vertrauensverhältnis, sondern in Wahrnehmung negativer Macht, oft genug subjektiv mit Willkür. Tricks wie der zufällig herabfallende Kugelschreiber, der, wenn er funktioniert und der Begutachtete sich hilfsbereit spontan bückt, als gelungener Nachweis einer noch sehr guten Beweglichkeit (und damit geringer Pflegebedürftigkeit) gilt, kommen überzufällig oft vor.

Zynismen spiegeln sich in Sprache und Wertungen wieder und verschärfen die Stresssituation für den Überprüften – wann hatte er zuvor seine letzte  "Prüfung " absolvieren müssen? Vor Jahrzehnten!

Die Pflegeversicherung ist eine staatlich installierte Institution. Der Medizinische Dienst der Krankenkasse tritt mit staatlichem Mandat auf. Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes beginnt mit der Festlegung:  "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt". Aus hausärztlicher Praxis – bezeichnenderweise wird der Hausarzt (wie eventuell schon involvierte Pflegekräfte) – in keiner Phase im Prüfungsverfahren für die Pflegeversicherung gefragt oder gehört, was angesichts der oft willkürlich wirkenden Ergebnisse nur gut ist – erlebe ich oft, dass mit den Antragstellern unwürdig verfahren wird. Dies ist aber in einer Gesellschaft vielleicht  "verständlich ", die unsere Mütter und Väter zu sozialpolitisch problematischen  "Rentenempfängern " und die Schwächergewordenen zu  "Pflegebedürftigen " degradiert. Eine Gesellschaft, die so mit ihren Wurzeln umgeht, und eine machtausübende Schicht, die vergessen hat, wem sie verdankt, dass sie im Gegensatz zu ihren Eltern niemals hungern, frieren oder Angst in Bombennächten hat haben müssen, braucht sich über die soziale Kälte allenthalben nicht zu beschweren. Wenn es nicht wieder gelingt, auch unseren älteren Mitmenschen die Würde zu lassen, die ihnen das Grundgesetz garantiert, haben auch wir Jüngeren kein besseres Schicksal verdient. Oder mit anderen Worten: das eigentlich Erschreckende sind nicht die Ergebnisse solcher Begehungen, sondern das zugrunde liegende Menschenbild. Wollte man aber tatsächlich etwas ändern, wäre das von Prof. Dr. Träder so treffend inkrimierte Begutachtungsverfahren nicht das falscheste Beispiel, um damit zu beginnen! "

Quelle: Nordlicht Aktuell 07/2007 S. 39 oder als pdf (340 KB)


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Die Angststeuerung und die Kassenmedizin
Martin Gattermannn

 

"Man wollte wohl schon die Kinder durch Furcht zu folgsamen Staatsbürgern erziehen. Durch Furcht und Angst, und das war freilich ganz verkehrt!" (Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war, München, 8. Aufl. 2006, S. 83 f.)

Dr. Martin Gattermannn

Die Situation in der niedergelassenen Medizin ist da. Seit einem Monat gibt es die Möglichkeit - und, wenn man das Kriegsgetümmel richtig wertet: offensichtlich auch die Notwendigkeit - "individueller" Kassenarztverträge. 

Fachverbände preschen vor, Verbündete in den offensichtlich sterbenden Kassenärztlichen Vereinigungen oder den viel neueren Genossenschaften suchend oder verratend. Bisherige Sicherungslinien wie flächendeckender Widerstand gegen Bürokratiequatsch (i. e. die Disease-Management-Programme beispielsweise) kollabieren, die Nichtübersichtlichkeit für den Einzelnen ist jetzt schon perfekt und perfektioniert prozessual. 

Dabei habe ich noch keinen gefunden, der auf unserer Seite diese neue Entwicklung guthieße - sieht man von der Funktionärskaste einmal ab. Weder wirtschaftlich noch wissenschaftlich (in dieser Reihenfolge wird heutzutage gedacht) lassen sich stichhaltige Gründe für diese inflationäre Zerschlagung heutiger Kollektivvertraglichkeit finden. 

Wir sind die Beute einer missgünstigen und - dieses Eindrucks kann man sich immer weniger erwehren - offensichtlich neidmotivierten Regelungspolitik geworden. Wir reagieren gewissermaßen systemimmanent. Das hehre Versprechen unserer Bundeskanzlerin in ihrer Antrittsrede "Lassen Sie uns mehr Freiheit wagen" ist allenthalben, zutiefst aber in der so genannten Gesundheitspolitik, zur Farce geworden. 

Nein, nicht das Streben nach sinnvollen oder auch nur notwendigen Erneuerungen, auch nicht die Hoffnung auf eine materiell erträglichere Situation, scheinen die Motive vieler Kollegen(innen) zu sein, die sich zum Gang in diese "schöne neue Welt" aufmachen, sondern eine immer ausgeklügeltere Angststeuerung leitet uns. Es ist der Kampf der Schafsherde mit dem Wolf, den der Einzelne dadurch führt und gewinnt, dass er andere zum Opfer macht und selbst entwischt. 

Oh alte Ärzteherrlichkeit, wohin bist Du entschwunden! Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen. Wir haben jegliche Initiative verloren, wir reagieren nur noch, und zwar so, wie es unsere politische Gegenseite sich ausgerechnet hat und wie dies unseren krankenkässlichen "Partnern" einseitig zugute kommt. 

Gibt es einen Ausstieg aus diesem Holzweg? Ich meine: ja. Es bedarf dazu allerdings zweier Tugenden, deren wir uns wieder befleißigen müssten: Solidarität und Zivilcourage. (Nebenbei sei angemerkt, dass es für die Solidarität in unserer Sprache schwache Übersetzungen wie "Gemeinsamkeit" gibt, während die Zivilcourage zumindest rein begrifflich uns Deutschen fremd geblieben ist!). Wenn wir also begriffen, dass unser Auseinanderdriften nicht zwangsläufig, sondern menschengegeben und von unseren Politikern sehr geschickt ausgelöst und explizit gewollt wurde, und wenn wir einsähen, dass die Krankenkassen ihrerseits ja auch im Konkurrenzkampf stehen, dann dürften wir nicht einfach nur opferhaft mit ansehen, wie Einzelne aus unseren Reihen als "Vertragsärzte" einzelner Krankenkassen scheinbar privilegiert werden und die Nichterwählten dem Untergang geweiht sind. 

Nein, Solidarität und Zivilcourage, das heißt die Einsicht in unsere eigene Macht, müsste uns den Spieß umkehren lassen: In einem starken formalen Bündnis (seine innere Adhäsion und eigentliche Legitimität schöpft, wie gesagt, aus unserer Einigkeit!) könnten und müssten wir unserseits vielleicht sogar nur eine Krankenkasse auswählen und zum Exklusivvertragspartner machen, wenn sie unsere Vorstellungen und Einsichten partnerschaftlich respektiert und umsetzt. 

Wenn schon die flächendeckende Kollektivvertraglichkeit im Finalstadium liegt, sollten wir dies als Chance - beispielsweise über unsere Ärztegenossenschaft - verstehen und nutzen. Wir haben doch noch weniger als jemals zuvor zu verlieren. Wir können doch nur noch gewinnen - aber nicht gegeneinander, in unsinnigen Rankings und Pseudoqualifikationen zerstritten und von Dritten aufgehetzt. Wir müssen sicherlich alle umdenken, aber wir sollten es in unserer Weise tun und nicht so, wie es die Gegenseite spekuliert und kalkuliert. Man hat uns in den letzten Jahren fortwährend gedemütigt und neudeutsch depontenziert, aber man hat uns - hoffentlich - noch nicht das Rückgrat gebrochen oder unsere Seele getötet. Widerstand im angesprochenen Sinn tut Not, um unserer, unserer Familien und, nicht zuletzt, unserer Patienten willen! 

Dr. Martin Gattermannn, Pestalozzistr. 16, 25826 St. Peter-Ording, stellv. Vorsitzender UnderDOCs e. V.

Quelle: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 06/2007 S. 46 oder als pdf (68 KB)


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Die anspruchsvolle Klientel und die Kassenmedizin
Martin Gattermannn


Das Ende einer mühseligen Arbeitswoche bekam seinen Höhepunkt beim morgendlichen hausärztlichen Streifgang durch die berühmten "letzten Seiten" der Tageszeitung. Miosis und mehr Weckeffekt als Kaffeeduft und Handygeläute zusammen. Zwischen "Insolvenzen", Geburtstags- und Stellenanzeigen prangte unter "Medizinische und soziale Berufe":


Wir suchen zum 1.1.2007 in Teilzeit eine

Arzthelferin

Sie sollten über ein hohes Maß an sozialer Kompetenz verfügen.
Die Organisation der Praxis mit freundlichem Ambiente,
modernen Behandlungskonzepten und
anspruchsvollem Klientel macht Ihnen Freude.

Senden Sie Ihre Bewerbung bitte an:
Dr. med. X.X., Y-Weg, zzzzz Zett-Dorf’

 

Da leben nun Kolleginnen und Kollegen in einem eher abstrebenden ländlichen Ort mit Stich ins Neureiche und müssen so erfahren, wessen sie bislang entbehrten. Ließe sich über das "freundliche Ambiente" noch hinwegsehen (wie müsste man eigentlich im Kontrast die Praxen der Kollegen beschreiben?), verharren Hirn und Herz an "Anspruch" und "Klientel". Da war es wieder, dieses postdemokratisch und neofeudale VIP-Getue mit den käuflichen Privilegien, das uns schon den Besuch der EXPO, aber inzwischen auch den des Berlinischen Bode-Museums vergällt.

 Welch’ Bild vom kranken Menschen, aber auch welch’ indirekte Abklassifizierung der anderen Hausärzte am Ort! Der Ausschluß des "Normalmenschen", dessen, den man und/oder der

sich selbst nicht für "anspruchsvoll" hält. Dabei beinhaltet der Begriff ja auch, dass mit ihm der schiere Anspruch eigener Bedeutsamkeit gemeint sein kann, sogar, dass es einfach Menschen sein mögen, die an den Arzt einen Anspruch haben. Etwa den, durch eine ungerechtfertigte Krankschreibung einem 1-Euro-Job oder einer Klassenarbeit entfliehen zu können! 

Wider jeglichen Dünkel

 Das Bild von den eigenen Patienten als anspruchsvoller Klientel indiziert vice versa das Bild vom exquisiten Arzt, der solchem gehobenen Anspruch gerecht wird. Es grenzt ab gegenüber dem Rest, indem es ihn niederqualifiziert, Patienten wie Kollegen. Es ist sicherlich hilfreich, wenn Helfer und Geholfener harmonieren, aber auch, wenn der Arzt dem breiten Spektrum, das seine Mitmenschen darstellen, in eigener Breite gerecht zu werden trachtet. Er darf hier nicht ausschließen, nicht verdammen. Humanitas jedermann gegenüber.

 

So grundsätzlich diese Einsicht, so schwierig ist die Motivationsforschung dessen, der bewußt auf diese Gleichbehandlung verzichtet, ja sich ihrer deklaratorisch versagt. Obschon es Strategie, auf neudeutsch marktkonform sein kann, es widerspricht dem, was Generationen von Kolleginnen und Kollegen unter "wahrem Arzttum" verstanden. Die Würde des kranken Menschen auch in seinen krankheitsbedingten Einschränkungen zu erkennen und zu wahren ist eine edle Pflicht dessen, dem er sich anvertraut. Dieses zu wollen und zu können macht die Arztehre aus. Sie ist aber nicht elitärer Glanz nach außen, sondern Pflicht nach innen und interkollegial. 

Ausblick: Hippokratische Pflicht und "anspruchsvolle Klientel"

 Mein erster akademischer Lehrer * hat uns Eleven, obschon wissenschaftliche Assistenten und Doktoranden, immer wieder auf die Multidimensionalität des sogenannten hippokratischen Eides hingewiesen, in dem es unter anderem heißt:

"Rein und heilig werde ich mein Leben führen und meinen Beruf gewissenhaft ausüben"

(Lexikon Medizin, Ethik, Recht, hg.v. A. Eser et al., Freiburg-Basel-Wien 1989, S. 114)

 

Den ärztlichen Beruf, den des Hausarztes zumal, darf man nicht "anspruchsvoller Klientel" widmen. Nein, unser Wissen und Können gehört allen Kranken, den Ratlosen, nicht zuletzt den von unserem immer kälter werdenden System Benachteiligten und Betrogenen. Richtig verstanden ist es im Mensch-Sein die so häufig zitierte "gleiche Augenhöhe", die dem Arzt heilen und Leid lindern hilft. Dünkelhafte Distanz ist inhuman.

 

Unsere sogenannte Gesundheitspolitik zwingt uns zu immer neuen Veränderungen und Anpassungen. Ob sie uns aber zu Verbiegungen verleiten kann oder nicht, muß jeder für sich selbst entscheiden. Es bleibt für uns, besonders aber für unsere Patienten, zu hoffen, dass wir sie unser ganzes Berufsleben lang als kranke und leidende Mitmenschen sehen. Anspruchsvoll ist unser Beruf, nicht unsere Klientel."

* er wird noch gefragt, ob ich ihn hier namentlich nennen darf

(veröffentlicht in: Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 02/2007 S. 46)


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Impressum


Verantwortlich und Inhaber
der Domain aerzte-im-widerstan.de ist:

Dr. med. Martin Gattermannn
Böhler Landstraße 5
D-25826 St. Peter-Ording
Tel.: 0 48 63 - 5 5 5 5
Fax: 0 48 63 - 3 4 5 0
E-Mail: info@dr-gattermann.de

Berufsbezeichnung:
Facharzt für Allgemeinmedizin
( verliehen durch die Bundesrepublik Deutschland )

Zuständige Kammer:
Landesärztekammer Schleswig-Holstein
Bismarckallee 8 -12
23795 Bad Segeberg

Zuständige Aufsichtsbehörde:
Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein
Bismarckallee 1-6
23795 Bad Segeberg


Berufsrechtliche Regelungen:
Heilberufegesetz des Landes Schleswig-Holstein und Berufsordnung der Landesärztekammer von Schleswig-Holstein

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